Europäer sehen sich gerne als die Krönung der Schöpfung. Immer wieder hört man die Behauptung, Demokratie und Menschenrechte seien “westliche Werte". In einem Interview mit dem ORF spricht Sozialanthropologin Shalini Randeria von der Uni Zürich über die Gefahren eines solchen eurozentrischen Weltbildes:
Mit welcher Glaubwürdigkeit können westliche Regierungen in Libyen - angeblich zum Schutz der Zivilbevölkerung - eingreifen, die für hundert Tausende zivile Tote im Irak mitverantwortlich sind?
Aber in Ländern des Nahen Ostens gibt es eine Sehnsucht in weiten Teilen der Bevölkerung nach politischer Teilhabe, gerechter Verteilung, Menschenwürde und Demokratie. Das allerdings sind nicht nur westliche Werte, die von Altertum oder Christentum direkt abgeleitet werden können. Säkularismus, Zivilgesellschaft und Demokratie in Europa sind das Ergebnis eines jahrhundertelangen Kampfes gegen die Kirche und die absolute Herrschaft gewesen.
Ich glaube, in jeder Gesellschaft gibt es eigene Vorstellungen von Gerechtigkeit. Und was nach dem “arabischen Frühling” zustande kommen wird, ist wahrscheinlich keine französische oder britische Demokratie.
Die Forscherin erinnert auch daran, dass westliche Regierungen bis vor kurzem gute Geschäfte mit Diktatoren wie Gaddafi gemacht haben. Diese Regierungen dürfen sich jetzt “nicht aus der Verantwortung für die Flüchtlinge aus Libyen stehlen".
Noch mehr Doppelmoral:
In Europa führt man Steuererleichterungen für deutsche oder französische Kinder ein, während die vermeintliche Überbevölkerung der “Anderen” als globales Problem dargestellt wird. Zu viele sind immer die Anderen, seien es die Migranten in Europa oder die Armen in den Entwicklungsländern.
Auf ihrer Webseite gibt es Interessantes zu lesen und hören, u.a. ein Portrait. Ich hatte sie früher einmal erwähnt, siehe Ethnologin Shalini Randeria zum Kastensystem und Hindunationalismus, dort befindet sich auch ein Link zu einem Interview mit ihr in der Zeit: Asien ist längst weiter.
Auf YouTube ist sie mit zwei Videos vertreten:
In diesem Streitgespräch “Die Zukunftsthemen der Wissenschaft” kritisiert sie unter anderem mangelde Diversität an den Unis. Die Lehrenden und Forschenden seien “männlich, weiss und relativ alt".
Und hier ist ein Vortrag über Globalisierung und Ungleichheit: Breaking the Wall of Privatisation of the Commons. How anthropology can help understand global entanglements
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Das Internet wird zu einem grundlegenden Wandel menschlicher Selbstorganisation führen. Die traditionelle, ortsgebunde Gesellschaft ist ein “Auslaufmodell”. An ihre Stelle treten global verstreute Netze.
Das meint Manfred Faßler, Professor am Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie der Goethe Universität in Frankfurt, lesen wir auf futurezone.at.
Technologische und wirtschaftliche Entwicklungen werden künftig in globalen Netzwerken organisert. Die Nationalstaaten werden vom Netz auskonkurriert. Staatliche Versuche, das Netz und die Informationsströme zu regulieren, seien Ausdruck dieses Hegemoniekonflikts, so Faßler.
Im ORF gibt es ein längeres Interview mit dem Medienforscher “über Chancen und Grenzen der Selbstorganisation im Netz, die Zensurversuche des Nicolas Sarkozy und über die Zukunft von Kaninchenzüchtervereinen".
Manfred Faßler war in der Diskussionreihe “twenty.twenty - Exploring the Future” im HUB Vienna zu Gast. Die Videodokumentation seines Vortrags soll im Laufe des Tages auf der Website von twenty.twenty zu sehen sein.
Doch sind nicht einige dieser globalen Strukturen längst Wirklichkeit und haben schon vor dem Internet existiert? Gleichzeitig haben Nationalstaaten an Bedeutung gewonnen, was wir u.a. in der Migrationspolitik sehen.
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Gute Idee: Im Science-TV der Deutschen Forschungsgemeinschaft stellen Forscher in dreiminütigen Videos ihre eigene Arbeit vor. Und zwar schon seit drei Jahren.
Nun hat soeben eine dritte Staffel mit Beiträgen begonnen. Die Ethnologie ist auch vertreten. In einem neuen Video werden die Aktivitäten des Sonderforschungsbereichs „Ritualdynamik“ der Universität Heidelberg vorgestellt. Forscher aus verschiedene Disziplnen studieren Rituale aus verschiedenen Ecken der Welt, um sie danach zu vergleichen: "Die Krönung eines Königs im Mittelalter, ein virtueller Gottesdienst im Second Life, der Valentinstag in Neu Delhi - was haben diese Anlässe gemeinsam?"
Thema des neuesten Videos sind Übergangsrituale in Nepal.
Wie gelungen ist diese Präsentation? Ich bin mir nicht sicher. Die Sprecherin redet, die Betroffenen kommen nicht zu Worte, sie erscheinen nur als Forschungsobjekte. "Hier handelt es sicht um eine Hochzeit wie wir sie kennen", dieser Kommentar ist auch nicht der allerglücklichste. Denn wenn sie danach das Ritual beschreibt als "vergleichbar mit Weissen Sonntag oder Konfirmation", scheint sie hauptsächlich (weisse?) Christen anzusprechen.
Mehrere Videos werden wohl folgen, ausserdem gibt es eine Bildergallerie, Forscherportraits etc
Der Forschungsbereich hat eine informative Webseite (mit Hintergrund zum Video) und auch eine Open Access Zeitschrift Forum Ritualdynamik
Ich habe im letzten Jahr kurz über den Forschungsbereich geschrieben, siehe Ritualboom in Deutschland
Auch interessant bei Science-TV: Ältere Beiträge zu Die Millionenstadt und Bedrohter Bergwald mit einer schönen Schilderung des Forschers auf dem Weg vom Flugplatz zur Forschungsstation weit entfernt im Regenwald
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(via ethno::log) Die Süddeutsche räumt in einem längeren Artikel mit dem “Märchen über den edlen Wilden ab".
“Die Ureinwohner Amerikas gelten als Menschen, die im Einklang mit der Natur lebten. Doch das war keineswegs der Fall. Mitunter zerstörten sie sogar ihre eigene Lebensgrundlage", schreibt Sebastian Herrmann, der eine grosse Menge an Quellen zusammengetragen hat, u.a. auch Artikel in Ethnologiezeitschriften.
Diese Klischees sind weit verbreitet, teils auch innerhalb des Faches Ethnologie. Die Klischees sagen mehr aus über die Sehnsüchte der Europäer als über die Indianergesellschaften. Doch es stimmt natürlich auch, und darauf wird im SZ-Artikel auch hingewiesen, die grössten Schäden an der Umwelt richten selbstverständlich die Industriestaaten an. Diverse Ureinwohnergruppen benutzen diese Klischees in ihrem Kampf um Anerkennung.
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Der drei Jahre lange Kampf für den Erhalt der Volkskunde und Kulturanthropologie an der Uni Bonn ist verloren. Der “Profilbereich” fällt den Sparmassnahmen der Uni zum Opfer. Zum Wintersemenester 2012/13 ist endgültig Schluss.
“Jetzt ist es definitiv: Für den Profilbereich Volkskunde/ Kulturanthropologie gibt es an der Universität Bonn keine Zukunft", meldet der Bonner Generalanzeiger.
Volkskunde in Bonn hängt am seidenen Faden, hatte das Blatt vor drei Monaten geschrieben, und hier auf antropologi.info lautete es im letzten November noch leicht optimistisch Trotz Teilerfolg Bangen um Kulturanthropologie/ Volkskunde in Bonn.
AKTUALISIERUNG: Jörn Borchert von Kulturelle Welten kommentiert das Ende der Volkskunde. Der Untergang war absehbar, schreibt er:
Eine Disziplin, die keine Fürsprecher aus der Hochkultur hat und nicht deutlich machen kann, was sie zur Verbesserung der Welt beitragen kann, die muss untergehen. (…) Sie hat jahrzehntelang Themen in den Vordergrund gestellt, die keinerlei gesellschaftliche Relevanz besaßen und trat nur dann öffentlich in Erscheinung, wenn Freitag der 13. war oder der Osterhase nach Eiern suchte. War ja ganz lustig, aber nicht so bedeutsam, dass irgendeiner auf die Idee hätte kommen können, dass diese Meldungen etwas mit ernsthafter Wissenschaft zu haben könnten.
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Fünf Jahre hat Ethnologe Thomas Kochan zur Kulturgeschichte des Alkohols in der DDR geforscht. Kurz nach seiner Dissertation hat er seinen eigenen Schnapsladen eröffnet. “Dr. Kochan Schnapskultur“ steht im geschwungenen Rund des Schaufensters in Prenzlauer Berg, meldet der Tagesspiegel.
Soeben ist seine Arbeit als Buch erschienen. „Blauer Würger“ heisst es – in Anlehnung an den Spitznamen für „Kristall Wodka“ laut Tagesspiegel “ein geschmacklich zweifelhafter, aber stets verfügbarer Fusel mit blauem Etikett aus dem Warenangebot in der DDR".
Die Ostdeutschen waren grosse Trinker. In kaum einem Land wurde so viel getrunken wie in der DDR. “Der Ethnologe Thomas Kochan sucht in seinem Buch “Blauer Würger” eine Erklärung für den Durst der Ostler - und widerspricht dem gängigen Klischee", erfahren wir in einem ausführlichen Bericht im Spiegel:
“Die DDR-Gesellschaft war nicht alkoholisiert", lautet sein Fazit. Kochan spricht von einer “alkoholkonzentrierten” Gesellschaft, in der Alkohol Genuss,- Stärkungs- und Tauschmittel war, und immer ein willkommenes Präsent. Alles, was darüber hinaus gehe, sei “Legende". (…) “Nirgends ist von einer Trinkkultur, in der der Alkohol primär als Sorgenbrecher und Kummertöter diente, die Rede", schreibt er.
“Auf das Thema ist er gekommen, weil er etwas untersuchen wollte, das Spass macht", erfahren wir in der Sächsischen Freien Presse.
“Dem Autor gelingt es auf hervorragende Weise die Leser auf 446 Seiten blendend zu unterhalten", meint Thomas Cieslik.
Das Buch wurde auch in den Norddeutschen Neuesten Nachrichten und Mitteldeutschem Rundfunk besprochen.
Sein Schnapsladen ist auch im Netz zu finden, und zwar auf www.schnapskultur.de
AKTUALISIERUNG:
Auch beim Schnaps-Trinken war die DDR Weltmeister (die WELT)
Interview: Buch beschreibt Schnapsweltmeister DDR (otz.de)
Doktorarbeit über die Trinkkultur in der DDR (Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag)
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2003 begann der Bau des Merowe-Staudamms im sudanesischen Niltal, damals das größte Dammprojekt Afrikas. Idyllisch sieht er aus auf seiner offiziellen Webseite. Laut dem International River Network ist der Merowe-Staudamm jedoch einer der destruktivsten Dammprojekte der Welt.
Im Freitag hat Ethnologin Valerie Hänsch einen schöne Geschichte über die Konsequenzen des Staudammprojektes für die betroffenen Bauern geschrieben.
70.000 Bewässerungsbauern müssen dem Damm weichen, vielen von ihnen ist die Wüste die einzige Alternative. Eine deutsche Firma spielt beim Projekt eine zweifelhafte Rolle.

Müssen dem Damm weichen: Die Manasir im Sudan. Foto: David Haberlah, flickr
Valerie Hänsch hat übrigens auch den preisgekrönten FilmSifinja - The Iron Bride gedreht - ein Film über sudanische Lastwägen und ihre Fahrer.
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Rechtfertigt der gute Zweck einen “menschlichen Zoo”? fragt Ethnologin Katrin Zinoun. Wie sie habe auch ich (mal wieder) ein Mail von Survival International erhalten, in der die Organisation auf “seltene Filmaufnahmen von einem unkontaktierten Volk im Amazonas” aufmerksam macht.
Survival International wird selten kritisiert, und Journalisten widergeben Infos von dieser Organisation brav. Ihr Anliegen scheint nobel zu sein und ist es wohl teils auch: Sie protestieren und starten Kampagnen, wenn z.B. profitgierige Konzerne Regenwaldbewohner von ihrem Land vertreiben. Ja, eine gute Sache.
Doch welches Weltbild vermittelt die Organisation? Wie stellen sie sogenannte “indigene Völker” dar? Dies wäre ein interessantes Thema einer ethnologischen Forschungsarbeit.
Man könnte zum Beispiel ihre Vorstellungen von “ethnischer” und “kultureller” “Reinheit” untersuchen. “Isolation statt Kontakt mit “Fremden” scheint das Motto der Organisation zu sein. Woran erinnert uns dies? Die Gesellschaft für bedrohte Völker ist mehrmals wegen Verbindung zur rechten Szene in Schlagzeilen geraten. Finden wir implizit ähnliches Gedankengut bei Survival International? Was ist von den Zitaten oben auf ihrer Webseite zu halten wie z.B. “Die Fremden sind schlechte Menschen. Sie missbrauchen uns. Ich bleibe lieber im Dschungel.”
Interessant wäre auch eine Untersuchung des “Volk"-Konzeptes. Auffallend sind die Generalisierungen a la “Die Yanomami glauben…” Interne Unterschede scheint es nicht zu geben, und Menschen werden hauptsächlich über die Zugehörigkeit zu ihrem “Volk” definiert.
Und was ist von ihrem Geschichtsverständnis zu sagen wenn sie behaupten “Seit Jahrtausenden konnten sich die Yanomami im südamerikanischen Regenwald entfalten. Nun kämpfen sie um ihr Überleben, da es den Behörden nicht gelingt, sie vor Eindringlingen, Angriffen und Krankheiten zu schützen"?
“Fortschritt kann töten” heisst eine ihrer Kampagnen. Was erzählen ihre Argumente über die Organisation? Träumen die Survival-Aktivisten vom “Edlen Wilden”?
Katrin Zinoun fühlt sich beim Schauen des Videos (siehe unten) an koloniale Völkerschauen erinnert, sie kritisiert den Mythos der “unkontaktierten Völker” und hinterfragt das Motto von Survival International “Wir helfen indigenen Völkern ihr Leben zu verteidigen, ihr Land zu schützen und ihre Zukunft selbst zu bestimmen.”
“Nimmt man tatsächlich an", fragt sie, “diese Völker könnten ihr Leben selbst bestimmen, wenn eine engagierte NGO ihnen quasi vorschreibt, dass sie möglichst isoliert bleiben sollen, weil sie sonst an Zivilisationskrankheiten sterben könnten?
>> weiter auf Katrin Zinouns Blog dialogtexte
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