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25.04.10

Deshalb sind Ossis eine Ethnie - Ethnologe Thomas Bierschenk im Stern

Erst schickte er eine Pressemitteilung. Dann rief der Stern an. In einem Interview konnte nun Ethnologe Thomas Bierschenk ausführlich über die ethnologische Definition einer ethnischen Gruppe reden.

Wie berichtet, hatte eine Frau geklagt, sie sei aufgrund ihrer ethnischen Herkunft als Ossi diskriminiert worden. Die Richter wiesen ihre Klage ab: Ostdeutschen seien keine eigene Ethnie, da es an Gemeinsamkeiten in Tradition, Sprache, Religion, Kleidung und Ernährung fehle.

Bierschenk erklärt, warum diese Definition veraltet ist:

Diese Definition stammt aus dem 18. Jahrhundert und ist veraltet: Die Forschung hat gezeigt, dass sich die Grenzen so klar nicht ziehen lassen. Beispielsweise sprechen Mitglieder verschiedener Ethnien manchmal die gleiche Sprache, innerhalb einer Ethnie finden sich verschiedene Sprachen und Religionen. Ganz schwierig ist die Definition einer Kultur. Was macht eine gemeinsame Kultur aus? Daran ist schon die Debatte zur deutschen Leitkultur gescheitert. Hätte sich die Klägerin auf die aktuelle Definition einer Ethnie bezogen, hätte sie Recht bekommen müssen.

Wir Ethnologen gehen heute davon aus, dass sich eine Ethnie über ein starkes Wir-Gefühl definiert. Dazu kommt eine demonstrative symbolische Abgrenzung gegenüber den Anderen: Beispielsweise werden bestimmte Praktiken wie etwa die Jugendweihe symbolisch überhöht, um damit das Anderssein zu demonstrieren. Dazu gehört auch die ganze Palette von “Ostprodukten” wie F6-Zigaretten oder Spreewälder Gurken. Natürlich sind Ossis eine Ethnie. Das Wir-Gefühl kann durch das Gefühl der Diskriminierung verstärkt werden.

(…)

Das Wir-Gefühl entsteht immer in Abgrenzung zu einer anderen Gruppe. So kommen die Wessis zu ihrem Wir-Gefühl: Ich bin ein Wessi gegenüber einem Ossi. Ich bin aber auch Mainzer: Während der Fasnacht grenze ich mich beispielsweise gegenüber den Wiesbadenern ab. In einem anderen Zusammenhang fühle ich mich als Deutscher oder auch als Europäer.

In der Tat kann man verschiedenen Ethnien, oder sagen wir besser “Wir-Gruppen", gleichzeitig angehören. Der Stuttgarter Richter sagte: Ossis sind Deutsche und können deshalb keine eigene Ethnie sein. Nach der aktuellen wissenschaftlichen Definition können sie aber beides sein.

>> zum Interview im Stern

Ich hatte im einem früheren Beitrag ähnlich argumentiert, siehe Rassismus gegen Ossis - oder: So entstehen “Ethnien”

23.04.10

Die Realität erweitern: Ethnografischer Film über Liverollenspiel

Krieg. Hoch oben im tiefverschneiten Schweizer Wallis kämpfen sie mit Schwertern in schweren Rüstungen. Es hat Schamane und Vampire. Was macht Ihr denn? Wieso müsst Ihr Euch verkleiden? Diese Fragen bekommen Rollenspieler oft. Ethnologe Michael Waser hat einen faszinierenden Film über die LARP-Szene gedreht. LARP steht für Live Action Role Playing (Liverollenspiel). Der Film gibt viele Antworten - u.a. diese: “Beim LARP sind wir nicht auf die Realität beschränkt". Hier ist sein Film “Einblick in die LARP-Szene”

SIEHE AUCH:

Video: Musikethnologie auf der Strasse

Video: Headbangen und Kühemelken - Kulturclash in Norddeutschland

Interview: Meet Dai Cooper from The Anthropology Song!

Anthropological activism in Pakistan with lullabies

Via YouTube: Anthropology students’ work draws more than a million viewers

16.04.10

(aktualisiert) Friedensbewegung protestiert gegen "Ethnologie und Militär" Seminar

(AKTUALISIERUNG Ethnologie und Militär: Der Protest hat genutzt - mehr updates weiter unten) “Bundeswehr-Werbung im Ethnologie-Seminar?” schrieb ich vor einer Woche. In einem Offenen Brief an die Tübinger Ethnologie fordern Mitglieder mehrerer Organisationen, das Hauptseminar “Angewandte Ethnologie und Militär” unter der Leitung von Bundeswehr-Ethnologin Monika Lanik abzusagen. Ansonsten werde es “im Vorfeld und auch während des Seminars zu Störungen kommen". Interessanterweise befinden sich keine Ethnologen unter den Unterzeichnenden.

An Prof. Dr. Bernd Engler, Prof. Dr. Stefanie Gropper, Prof. Dr. Roland Hardenberg, Mitarbeiter_innen der Abteilung für Ethnologie am Asien-Orient Institut und die Presse.

Sehr geehrte Damen und Herren,

in Afghanistan wird de facto Krieg geführt, wie mittlerweile auch die Bundesregierung eingesteht. Dass sie de jure die Definition als Krieg für den Einsatz der Bundeswehr zurückweist hat schlicht damit zu tun, dass ein solcher Kriegseinsatz weder mit dem Grundgesetz, noch mit dem internationalen Recht noch mit dem ISAF-Mandat zu vereinbaren wäre. Darüber hinaus wird das Töten und Töten-Lassen von Menschen, wie es den Krieg und den Alltag in Afghanistan charakterisiert, von einer Mehrheit der Bevölkerung aus ethischen und moralischen Beweggründen abgelehnt.

Kürzlich hat sich die Universität Tübingen in der Präambel ihrer Grundordnung dazu verpflichtet, „Lehre, Forschung und Studium an der Universität sollen friedlichen Zwecken dienen, das Zusammenleben der Völker bereichern und im Bewusstsein der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen erfolgen.“ Wir begrüßen das ausdrücklich!

Dies steht jedoch in eklatantem Widerspruch zu der Tatsache, dass bereits im ersten Semester nach dem Beschluss der neuen Präambel am Institut für Ethnologie ein Seminar mit dem Titel „Angewandte Ethnologie und Militär“ stattfinden soll, gehalten von einer Ethnologin, die selbst für die Bundeswehr, u.a. in Afghanistan, tätig ist und vom Bundesverteidigungsministerium bezahlt wird. Sie wird Methoden darlegen, wie Ethnologen bei Konflikten wie in Afghanistan für die Streitkräfte unterstützend tätig werden können um solche Kriege führ- und gewinnbar zu machen. Die als Reaktion auf den Protest einiger Studierender eilig in das Seminarprogramm eingefügte ethische Fragestellung ist angesichts der Stellung der Lehrenden unglaubwürdig.

Sollte dieses Seminar tatsächlich stattfinden, so würde die Universität jegliche Glaubwürdigkeit hinsichtlich ihrer neuen Präambel verspielen. Das wäre eine traurige Konsequenz.

Für schlicht unerträglich halten wir die Tatsache, dass das Seminar ganz unabhängig von Zivilklausel, Forschung und Lehre auch deutliche Züge einer Rekrutierungsveranstaltung trägt, mit der EthnologInnen für den Dienst für das „umgangssprachlich Krieg“ führende Verteidigungsministerium gewonnen werden können und dass diese Veranstaltung aufgrund des bescheidenen Angebots an Lehrveranstaltungen im Hauptstudium darüber hinaus einen gewissen Pflichtcharakter trägt.

Wir bitten Sie deshalb inständig, zu intervenieren, damit dieses Seminar nicht stattfindet. Ansonsten gehen wir davon aus und sollten auch Sie davon ausgehen, dass es im Vorfeld und auch während des Seminars zu Störungen kommen wird.

Mit freundlichen Grüßen,

Carol Bergin (Initiative Colibri), Ilse Braun und Markus Braun (Ohne Rüstung Leben), Hans und Waltraud Bulling (Save-Me Kampagne und AK Asyl), Dr. Anne Frommann (Senioren für den Frieden), Benno Malte Fuchs (DFG-VK Tübingen und Informationsstelle Militarisierung IMI e.V.), Gudrun Kleinhaus (Mahnwache Tübingen), Christoph Marischka (IMI e.V.), Tobias Pflüger (IMI e,V.), Penelope Pinson (Tübingen Progressive Americans), Jens Rüggeberg (Friedensplenum/Antikriegsbündnis Tübingen), Ingrid Rumpf (AK Palästina), Michael Schwarz (Friedensplenum/Antikriegsbündnis Tübingen), Jürgen Wagner (IMI e.V.), Walburg Werner (Friedensplenum/Antikriegsbündnis Tübingen) und weitere.

Laut den Aktivisten des Infoportal Tuebingen hat sich Rektor Engler mittlerweile “in vielen Punkten schockiert über die ihm bis dahin angeblich unbekannte Vita der Frau Dr. Lanik” gezeigt und kündigte an “den Fall zu prüfen".

NEU:

Es gibt wenig Informationen im Netz zu den neuesten Entwicklungen, und es scheinen sich merkwürdigerweise nur Linksaktivisten dafür zu interessieren. Die meisten Ethnologinnen schweigen weiterhin.

Wortgefechte zu Beginn: Haptseminar über Ethnologie und Militär nahm die Arbeit auf (Schwäbisches Tagblatt 24.4.10)

Interview mit Marxistischer Aktion zum Seminar “Angewandte Ethnologie und Militär” (Bildungsseminar der Wüsten Welle, 24.4.10)

Militarisierung durch die Hintertür (Junge Welt, 20.4.10)

Streit zwischen Friedensgruppen und Lehrenden um Uni-Zivilklausel und Studenten störten eine Veranstaltung über Sicherheitspolitik (Schwäbisches Tagblatt, 16.4.10)

Daten und Fakten zu Frau Dr. Lanik (jpberlin.de, 16.4.10)

SIEHE AUCH:

Bundeswehr-Werbung im Ethnologie-Seminar?

The dangerous militarisation of anthropology

  00:43:25, von admin   . Kategorien: Wir und die Anderen, Deutschland, Oesterreich, Schweiz

Rassismus gegen Ossis - oder: So entstehen "Ethnien"

(Aktualisierung: Deshalb sind Ossis eine Ethnie - Ethnologe Thomas Bierschenk im Stern)

Sind Ostdeutsche eine “ethnische Gruppe"? Mehrere Medien berichten über den Fall einer Buchhalterin, die sich wegen ihrer ostdeutschen Herkunft bei einer Bewerbung diskriminiert sah. Sie klagte vor Gericht und macht einen Verstoss gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz geltend, wonach niemand wegen seiner ethnischen Zugehörigkeit benachteiligt werden darf. Auf den zurückgesandten Bewerbungsunterlagen hatte die Firma ein Minuszeichen mit dem Wort “Ossi” vermerkt.

Ossis sind keine Ethnie“, urteilt das Gericht.

“Spannend wie um eine reale Diskriminierung anzuklagen, jetzt eine Ethnie konstruiert wird", kommentiert Urmila Goel:

Das erinnert mich an einen Fall in den 1990er in Britannien. Da war Diskriminierung aufgrund ethnischer Herkunft verboten nicht aber aufgrund von Religion und so haben Sikhs argumentiert eine ethnische Gruppe (und nicht eine Religionsgemeinschaft) zu sein.

Diese Konstruktionen von kollektiven Identitäten sind nötig, da die Ausgrenzungen aufgrund von zugeschriebenen kollektiven Identitäten in unserem Rechtssystem nur so verfolgt werden können.

Dies wiederum erinnert daran, dass ethnische Gruppen (oder “Ethnien” wie man im deutschsprachigen Raum ja oft sagt) Konstrukte sind. Sie sind irgendwann aus irgendwelchen Gruenden entstanden. Sie sind keine biologischen “organisch gewachsene” Einheiten.

Wenn der Richter erklaert, es fehle an Gemeinsamkeiten in Tradition, Sprache, Religion, Kleidung und Ernährung, um die Ostdeutschen als “Ethnie” zu bezeichnen, irrt er sich. Denn Ethnizitaet hat nicht unbedingt viel mit Kultur zu tun. Denn ethnische Gruppen entstehen in Abgrenzung zu anderen Gruppen, vor allem Nachbargruppen - “Ich bin Schweizer, weil ich mich nicht als Deutscher sehe").

Interessanterweise wurden im Ossi-Fall Ethnologen befragt.

“Die Ethnologin Judith Schlehe kann darüber nur den Kopf schütteln", schreibt der Tagesspiegel (es wird aber nicht klar, warum).

Die Freie Presse befragt Ethnologen Wolfgang Kaschuba. Er meint, 50 Jahre reichten nicht zur Herausbildung einer Ethnie. Er vertritt eine eher nationalromatische Sicht auf Ethnizitaet:

Natürlich gebe es gemeinsame Erfahrungen der DDR-Bürger, die prägend gewesen sind für zwei, drei Generationen. Diese Erfahrungen seien sicher auch verbindend. “Sie sind aber nicht so homogen, dass man sagen könnte: Daraus entsteht nun quasi eine ethnische Identität.”

Uebrigens: Der norwegische Ethnologe Jan-Kåre Breivik meint, man koenne Gehörlose als ethnische Gruppe bezeichnen - selbst mit einer eher traditionellen Definition von Ethnizitaet. Taube sehen sich selbst als kulturelle Minderheit.

Siehe auch Ethnizität und Kultur (meine Lizarbeit) und Economies of ethnicity (Thomas Hylland Eriksen)

AKTUALISIERUNG: Schlimm was da bei ntv zu lesen ist:

Aus Sicht von Ethnologen sind die Kriterien relativ klar: Eine Menschengruppe, die kulturell, sozial, historisch und genetisch eine Einheit bildet, ist - kultursoziologisch, nicht biologisch - eine eigene Ethnie, man könnte auch Stamm oder Volk sagen.

Der Kommentar in der Welt Unter Eingeborenen veranschaulicht gut, dass das Diskriminierungsgesetz geaendert werden muss. In seiner jetzigen Form bleiben Ossis (und anderen in gewissen Situationen benachteiligte Gruppen) offenbar keine andere Wahl.

NEU (23.4.10): Ostdeutsche sind eine Ethnie, schreibt Ethnologin Katrin Zinoun auf ihrem Blog dialogtexte und bespricht eine Pressemeldung der Uni Mainz. Ethnologe Thomas Bierschenk kritisiert darin den veralteten Ethnienbegriff, auf den sich sowohl die Richter am Stuttgarter Arbeitsgericht als auch der Anwalt der Klägerin bezogen.

Deshalb sind Ossis eine Ethnie - Ethnologe Thomas Bierschenk im Stern

07.04.10

Bundeswehr-Werbung im Ethnologie-Seminar?

(AKTUALISIERUNG 16.4.10 / 29.4.10: Friedensbewegung protestiert gegen “Ethnologie und Militär” Seminar und Ethnologie und Militär: Der Protest hat genutzt) Am 23.April gehts los. Dann wird Bundeswehr-Ethnologin Monika Lanik die Studierenden mit dem Hauptseminar “Angewandte Ethnologie und Militär” im Ethnologie-Institut der Uni Tübingen herausfordern.

Das Institut ist sich der Brisanz des Themas bewusst. Werbung für die Kriege der Bundeswehr im Ethnologie-Seminar? Die Marxistische Aktion Tübingen hat in einem offenen Brief an das Rektorat der Uni die Veranstaltung bereits kritisiert und in Zusammenhang einer generellen Militarisierung gestellt:

Frau Dr. Monika Lanik (…) bietet übrigens im kommenden Semester ein Hauptseminar zum Thema an. Ein Schelm, wer hier Böses denkt. Sie wird doch nicht etwa, wie ihr am rechten Rand agierender Kollege Thomas Bargatzky an der Uni Bayreuth, bei dem sie bereits mehrmals Gastvorträge hielt, Studierende dazu anhalten wollen sich bei der Bundeswehr zu engagieren? Bei dem regelmäßigen Autor der rechtsextremen Zeitschrift „Junge Freiheit“ Thomas Bargatzky kann der/die Interessierte direkt auf seiner Institutshomepage Formulare für Praktika bei der Bundeswehr downloaden.

So wenig subtil wird Monika Lanik wohl nicht agieren. Dass Laniks Afghanistan-„Forschungen“ nichts desto trotz im Dienste des militärischen Engagements der Bundeswehr stehen, davon kann sich jedeR leicht in dem Buch „Afghanistan- Land ohne Zukunft?“ (download unter: www.streitkraeftebasis.de) überzeugen.

Im Vorlesungsverzeichnis (pdf) wird daher auffallend deutlich Laniks beruflicher Hintergrund thematisiert:

Frau Dr. Lanik arbeitet als Ethnologin im Amt für Geoinformationswesen der Bundeswehr. Dies hat die Themenwahl der Lehrveranstaltung bestimmt, keinesfalls aber die Inhalte, die persönlich Dr. Lanik zuzuschreiben sind und keinesfalls im Namen der Bundeswehr stehen.

Ziel ist es, gemeinsam mit Studierenden der Ethnologie die Argumentationsstränge zu sortieren, den Stand der Informationen zu bewerten und aus wissenschaftlicher Sicht eine Bewertung der Ethik-Diskussion vorzunehmen.

Inhaltlich wird es darum gehen, auf der Grundlage der neueren Geschichte von Ethnologie und Militär im deutschsprachigen Raum ein informiertes Bild über die Methoden- und Ethikdiskussion des aktuellen Einsatzes von Ethnologen im Militär zu erarbeiten. Die Ethnologie steht hier exponiert in einem Anwendungsfeld, das de facto längst von der Psychologie, der Kommunikationswissenschaft, der Geographie, der Islamwissenschaft und anderen Disziplinen besetzt ist. Am Ende des Seminares soll die Frage beantwortet werden, ob überhaupt ein speziell ethnologischer Beitrag gefragt ist in der militärischen Anwendung und in welchem Passungsverhältnis dieser zum ethischen Forschungskanon der Ethnologie stehen kann.

Sehr interessant ist die Seite http://www.streitkraeftebasis.de/ worauf im Offenen Brief hingewiesen wird. Da gibt es u.a. Infos über die modische sogenannte “Interkulturelle Einsatzberatung” Das Buch, in dem Lanik einen Text beigesteuert hat, heisst übrigens nicht Afghanistan - Land ohne Zukunft, sondern Afghanistan – Land ohne Hoffnung? und ist in der Tat als pdf erhältlich. Einen weiteren Artikel von ihr ist in einem weiteren Buch über Afghanistan - für Soldaten geschrieben - zu lesen.

Monika Lanik hat bei der Diskussionsveranstaltung Ethnologen in Krisen- und Kriegsgebieten: Ethische Aspekte eines neuen Berufsfeldes auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde im Herbst letzten Jahres teilgenommen. Im Referat (pdf) ist zu lesen dass es laut Monika Lanik keine Möglichkeiten gebe, als Ethnologin innerhalb der Bundeswehr eigene Feldforschung zu betreiben. Die Strukturen seien zu starr. Sie verteidigte jedoch ihren Job: Wenn sich Ethnologen nicht selbst dieser Fragen annehmen, bestünde die Gefahr, dass das Wissen um kulturelle Gegebenheiten von Fachfremden ohne entsprechende Expertise abgedeckt werde, so Lanik.

Man kann jedoch nur Laniks Logik folgen, wenn man die Bundeswehr und ihre Kriege unterstützt. Unabhängig davon bleiben ethische und fachliche Fragen. Es wäre spannend, wenn Teilnehmende des Seminares von den Diskussionen berichten könnten.

AKTUALISIERUNG (16.4.10: Friedensbewegung protestiert gegen “Ethnologie und Militär” Seminar

SIEHE AUCH

Protests against British research council: “Recruits anthropologists for spying on muslims”

Militarisation of Research: Meet the Centre for Studies in Islamism and Radicalisation

Telepolis über Ethnologen im Irak-Krieg: “Sollten lieber das Militär studieren”

Immer mehr Ethnologinnen bei der Bundeswehr

Mit in Kongo dabei: Noch eine Bundeswehr-Ethnologin

Cooperation between the Pentagon and anthropologists a fiasco?

Anthropology and CIA: “We need more awareness of the political nature and uses of our work”

War in Iraq: Why are anthropologists so silent?

In Berlin: Protest gegen Fortwirken des Kolonialismus in der Ethnologie

Thomas Bargatzky - ein rechtsradikaler Ethnologe?

Selected quotes from “On Suicide Bombing” by Talal Asad

29.03.10

  01:34:18, von admin   . Kategorien: Migration Integration, Globalisierung, Wir und die Anderen, Bücher

Globale Rechte statt "Integration"

Es gilt es Abschied zu nehmen von der Vorstellung einer homogenen nationalen Gesellschaft als Grundlage friedlichen Zusammenlebens. Das ist eine der Botschaften des Sammelbandes “No integration?! Kulturwissenschaftliche Beiträge zur Integrationsdebatte in Europa“, mitherausgegeben von der Ethnologin Sabine Hess.

“No Integration” ist bereits im letzten Jahr herausgekommen. Holger Moos vom Goethe-Institut stellt das bislang wenig beachtete Buch nun auf Qantara.de vor.

Migranten, so die Forscher, sollten nicht primär als Menschen mit Defiziten betrachtet werden, die es in “Integrationskursen” auszugleichen gelten. Ein Perspektivwechsel sei notwendig. Wir brauchen transnationale Perspektiven:

Im Zeitalter der Mobilisierung von Menschen, Gütern und Ideen seien Lebensläufe über nationalstaatliche Grenzen hinweg längst Normalität. Deshalb müsse die migrantische Perspektive, die spezifischen Interessen, Lebensbedingungen und Leistungen von Migranten, stärker berücksichtigt werden. Diese transnationale Perspektive mündet in die Forderung nach globalen sozialen Rechten und Bürgerrechten. (…) Ziel von Integration müsse Chancengleichheit durch Teilhabe am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Leben sein. Und das verlange außer den Zuwanderern eben auch den “Nicht-Zugewanderten” etwas ab.

Die meisten Artikel thematisieren die Integrationsdebatte in Deutschland:

Der aktuellen Integrationsdebatte liegt nach Ansicht der Herausgeber ein essenzialistischer Kulturbegriff zugrunde. Die aufnehmende Gesellschaft und die Einwanderungsgruppen würden als abgeschlossene Container betrachtet. Diese Vorstellung sei desintegrierend und betone das Trennende zwischen den Kulturen statt das Verbindende zu identifizieren.

>> weiter bei Qantara.de

Eine längere Besprechung gibt es auch auf H-Soz-u-Kult. Beim Transcript-Verlag kann man die Einleitung als pdf runterladen.

SIEHE AUCH:

Ausstellung “Crossing Munich": Ethnologen für neue Perspektiven in der Migrationsdebatte

How to challenge Us-and-Them thinking? Interview with Thomas Hylland Eriksen

Neuperlach: Wie Schule, Eltern und Medien “Ausländerprobleme” schaffen

Kosmopolitismus statt Multikulturalismus!

Werner Schiffauer: Wie gefährlich sind “Parallelgesellschaften"?

Wider den Kulturenzwang, für mehr Transkulturalität

Populärethnologie von Christoph Antweiler: Heimat Mensch. Was uns alle verbindet

“Projekt Migrationsgeschichte": Kulturwissenschaftler in Container in Innenstadt

Erforschte das Leben illegalisierter Migranten

Ethnologen, raus aus der Kulturfalle!

“No Pizza without Migrants”: Between the Politics of Identity and Transnationalism

06.03.10

Wie bitte? Ein ethnologisches Gutachten? Sich reinwaschen mit Kulturrassismus?

Hier ist eine Geschichte, die wir vermutlich in die Schublade “Kulturrassismus” stecken können.

Am 12. Juni 2008 brennt es in einem Asylbewerberheim in Klagenfurt. Ein 42 Jahre alter Ghanese springt in Panik aus dem Fenster und kommt um. Dem Betreiber werden mangelnde Brandschutzeinrichtungen, u.a. fehlende Fluchtwege vorgeworfen. Ein “fataler Grossbrand", bei dem es kein Entkommen gab.

Die Angeklagten weisen die Verantwortung für das Unglück weit von sich und versuchen sich nun mit einem “ethnologischen Gutachten” reinzuwaschen, meldet der ORF: Ist es nicht typisch afrikanisch beim Brand aus dem Fenster zu springen? Hätten Fluchtwege ohnehin nicht geholfen?

Der ORF schreibt:

Wörtlich beantragte der Anwalt das “Einholen eines Sachverständigen aus dem Gebiet der Psychologie und Ethnologie verbunden mit Verhaltensforschung zur Erstellung eines Gutachtens über das Fluchtverhalten von Mittelafrikanern im Vergleich zu Mitteleuropäern im Brandfalle.” (…) “Selbstverständlich” sei das Fluchtverhalten unterschiedlich, denn “die haben das ja selber gesagt: ‘Wir kennen keine Feuerwehr bei uns und haben keine andere Möglichkeit, als zu springen’".
(…)
Man müsse den Fall “rein sachlich” betrachten, mit dem Antrag soll festgestellt werden, “ob - unabhängig von den gegebenen Voraussetzungen - die Asylanten in der Lage sind, auf Einrichtungen (Fluchtwege, Brandschutz, Anm.) zu reagieren oder ob sie aufgrund des Kulturkreises, aus dem sie kommen, nicht in der Lage dazu sind und einfach springen", erklärte er.

>> weiter im ORF

Nach Ansicht von Staatsanwalt Christof Pollak hat es sich um einen Brandanschlag gehandelt. Die Kärntner Polizei soll den Brandanschlag vertuscht haben, meldete der ORF vor wenigen Tagen. Falls dies stimmt, wäre ein ethnologisches Gutachten über die Polizei und die Gesellschaft, die solche Taten ermöglicht und eventuell sogar duldet, eher angebracht.

SIEHE AUCH:

Rassismus: Kultur als Deckmantel

Racism - The Five Major Challenges for Anthropology

Islamophobie in Österreich - “ein längst überflüssiges Werk”

Werner Schiffauer zum Mord an Marwa El-Sherbini: “Islamophobie reicht bis in die Mitte der Gesellschaft”

Ethnologe Leo Frobenius und der koloniale Blick auf Afrika

Die Angst vor den Minderheiten - Appadurai nun auch auf deutsch

How to challenge Us-and-Them thinking? Interview with Thomas Hylland Eriksen

03.03.10

(aktualisiert) Das Potenzial der Wirtschaftskrise - Riesen-Forschungsprojekt in Wittenberge zu Ende

Fast drei Jahre lang haben 28 Ethnologen und Soziologen das Leben einer Stadt im Niedergang teilnehmend beobachtet. Künstler wurden auch in den Forschungsprozess eingebunden. Das Ergebnis wird heute u.a. in einer Sonderausgabe der ZEIT gross präsentiert.

Die Industrie ist am Ende. “Die Zahl der Einwohner ist von 30.000 auf 18.000 zurückgegangen, und die einzigen Zuzügler sind die Soziologen, die durch die leeren Straßen wandern und beobachten, wie man so lebt in der Stille", schreibt die ZEIT über Wittenberge, zwischen Hamburg und Berlin im Osten Deutschlands gelegen.

Die «brutale Wahrheit» von Wittenberge. Das Fazit ist düster. Ob die Bürger die Wahrheit ertragen? titelt der Tagesanzeiger. Der Ton in den vielen Zeitungsberichten ist düster. “Noch immer schrumpft die vergreiste Stadt. Im Stadtkern wohnen die Armen, unzählige Häuser stehen leer", so der Tagesanzeiger weiter. Und: “Die wichtigste Erkenntnis der Wissenschaftler ist: Vom einstigen sozialistischen «Wir» ist in Wittenberge nichts mehr zu spüren.”

Doch all das Negative ist vielleicht nicht das Interessanteste. Spannender wär vielleicht die Frage: Wie gehen die Einwohner mit dem Niedergang um? Die Frankfurter Rundschau spricht dieses Thema kurz an und betont, dass man in Wittenberge keineswegs nur auf Verlierergeschichten stösst.

Es sind neue Perspektiven entstanden, und mit den Soziologen haben die Wittenberger das Potenzial entdeckt, das im Gefühl der Unterlegenheit schlummert. Mit Blick auf Lösungsansätze und Interpretationsangebote geht selbst aus sozialen Brennpunkten oft ein bemerkenswertes soziales Kapital hervor.

(Hier ist Arjun Appadurais Text Deep democracy: urban governmentality and the horizon of politics evt relevant)

In der Stadt wurden die Forscher kritisch beäugt. Manche hatten den Eindruck, die Forscher seien zu sehr auf das Elend fixiert. Die Zeit schreibt:

Einmal, so erzählt der (ostdeutsche) Soziologe Wolfgang Engler, sei ein Stadtforscher mit der Kamera durch Wittenberge gezogen und habe die totesten Stellen der Stadt fotografiert. Und während er weiter ging, merkte er, dass er verfolgt wurde. Ein kleiner Zug von »Eingeborenen«, so Engler, sei dem Mann auf den Fersen geblieben. Er konnte sie nicht abschütteln; sie griffen ihn nicht an, aber sie waren alarmiert; sie wollten sich, so Engler, nicht abfinden mit dem »beschämenden Gefühl, von anderen in der eigenen Misere beobachtet zu werden«.

Wittenberg wurde nicht isoliert untersucht, sondern im europäischen Kontext. Aehnliche Prozesse laufen in anderen Städten ab. Neben Wittenberge gab es verwandte Untersuchungen im pfälzischen Pirmasens und im rumänischen Victoria. Wittenberge, sagt Projektleiter Heinz Bude, gibt es auch in Litauen oder Wales.

Das Forschungsprojekt hat eine informative Netzseite http://www.ueberlebenimumbruch.de/

AKTUALISIERUNG (5.3.10): Die Elends-Berichte nehmen kein Ende in den Zeitungen. Doch Projektleiter Heinz Bude sagt in einem Gespräch mit der Schweriner Volkszeitung: “Das soziale Drama ist das falsche Bild. Wir haben viele Formen gefunden, wie Menschen hier ihr Leben meistern.”

Nun sind längere Texte auf der Webseite der ZEIT zu lesen, v.a. der spannend geschriebene Artikel Zum Beispiel Wittenberge. Hier erfahren wir mehr über das Doktorgradsprojekt der Ethnologin Anna Eckert. Große Teile ihrer Doktorarbeit zur Lebensführung in der Erwerbslosigkeit basieren auf der Analyse vom Leben einer Hartz-IV-Empfängerin, die sie “Inge” nennt:

Inges Biografie ist eine der typischen Geschichten, die der Umbruch geschrieben hat. Bis zur Wende arbeitete die gelernte Schlosserin im Nähmaschinenwerk, seitdem hatte sie außer einigen Ein-Euro-Jobs keine Arbeit. »Zukunft« ist für Inge schon lange keine Kategorie mehr. Seit Jahrzehnten bleiben die Chancen aus, Gelegenheiten haben sich nie ergeben, es eröffnete sich keine Perspektive. Ihre Arbeit ist verschwunden. Und sie kommt nicht wieder.

Inge weckt sich jeden Morgen um fünf Uhr. Es beginnt ein strikt durchorganisierter Alltag. Das Ziel: Zeit verbrauchen. (…) Fragt man die Hartz-IV-Empfängerin nach ihren Träumen, so hat sie keine. Fragt man sie nach Dingen, die ihr wichtig sind, zuckt sie mit den Schultern. Nach einer langen Pause sagt sie »mein Partner«.

Wir lesen ausserdem:

Ob es »Gewinner«, »Verlierer«, Kleingärtner, Unternehmer, Rentner oder Fernfahrer waren, die interviewt wurden – eines zieht sich durch alle Forschungsergebnisse. Das ist die wichtigste Erkenntnis der Wissenschaftler: All diese Gemeinschaften stehen wie Säulen nebeneinander, der Umbruch der Wende hat das organische Ganze der Stadt zersprengt. Seitdem ist der Ort in Gruppen zerteilt, die sich mehr oder weniger deutlich und scharf nach außen abgrenzen. (…) Im Unterschied zu anderen strukturarmen Gegenden im Westen von Deutschland wiegt in Wittenberge das Gewicht der Vergangenheit schwer. Der Kontrast zum einstigen, sozialistischen »Wir« lässt die heutige Zersplitterung der Gesellschaft umso tiefer und stärker spürbar werden.

>> weiter in der ZEIT

Eine gute Idee: Das ZEITmagazin bat die Forscher, 25 zentrale Beobachtungen über die Stadt zusammenzustellen

SIEHE AUCH:

Forschungsthema: Wie überleben in Wittenberge?

Dissertation: When the power plant, the backbone of the community, closes down

Zentrale Lage, menschenleer: Ausstellung Schrumpfende Städte (Berlin)

Urban anthropologist: “Recognize that people want to come to the big cities”

Anthropologist studied poor fast food workers in Harlem

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