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02.03.10

Esskultur als Protest: Ethmundo über Ökodörfer und Müllwühler

Nicht alle, die in Müllcontainern nach Essen wühlen, tun dies aus Geldnot. In der neuen Ausgabe von Ethmundo lesen wir u.a. über die Containerer.

Nach Landeschluss durchwühlen sie die Abfallbehälter auf den Hinterhöfen der Supermärkte: Die Containerer leben von dem, was nicht mehr gebraucht wird, aber noch brauchbar ist. Ihr Motiv ist nicht Geldnot, sondern Kritik an einem System, das die Konsumenten in Abhängigkeit treibt, die als Freiheit getarnt ist. (…) Statt durch den Kauf im Supermarkt die Konzerne zu unterstützen, versuchen die Containerer unabhängig von den Gesetzen des Marktliberalismus zu leben und sich von dem Konsumzwang zu befreien.

Containern ist Widerstand gegen die Wegwerfgesellschaft, erklärt Annika Franke in ihrem Artikel:

Denn während auf der einen Seite Lebensmittel vernichtet werden, leiden Millionen von Menschen an einer permanenten Unterernährung. Lebensmittel werden aus ökonomischen Gründen entsorgt, um die Preise stabil zu halten oder Platz in den Regalen der Supermärkte zu machen. (…) In Wien beispielsweise wird jeden Tag die Menge an Brot weggeworfen, mit der die zweitgrößte Stadt Österreichs, Graz, versorgt werden könnte.

Wenig bekannt ist der Zusammenhang zwischen Landwirtschaftspolitik und Migration:

Wer im Supermarkt Gemüse kauft, kommt an Produkten aus Spanien nicht mehr vorbei. Auf mehr als 25.000 Hektar wird im südspanischen Almeria Gewächshausgemüse angebaut. Dieser Anbau wird genauso wie der Export subventioniert. So kommt es, dass dieses Gemüse auch auf einem Markt in Dakar verkauft wird – günstiger als ein senegalesischer Bauer es je produzieren könnte. Wenn es für diesen Bauern keine Möglichkeit gibt, im eigenen Land Geld für seine Familie zu verdienen, so ist es nicht verwunderlich, dass er sich aufmacht, sein Land zu verlassen – in der Hoffnung, auf dem europäischen Kontinent eine rentable Arbeit zu finden.

Nehmen wir an, er schafft es über die Straße von Gibraltar nach Spanien, ohne dass er Schiffbruch erleidet oder festgenommen und von den Behörden zurückgeschickt wird. Dann hat er vielleicht sogar das Glück, in einem der Gewächshäuser für einen Hungerlohn zu arbeiten, in denen genau jene Tomaten angebaut werden, die ihn zum Verlassen seiner Heimat gezwungen haben.

>> zum Artikel “Die Müllwühler” von Annika Franke i Ethmundo

Über eine andere Form von Protest mit dem Kochlöffel schreibt Marcus Andreas. In seinem Text Von Aas und Äpfeln gibt er Einblick in seine Feldforschung im Ökodorf Sieben Linden in Sachsen-Anhalt, die Teil seines Doktorgradsprojektes ist.

Dort leben (und essen) gut 120 Menschen. Vom Frühstück bis zum Abendessen kann da gemeinsam gegessen werden – allerdings ausschliesslich vegetarisch und meist vegan (privat kann man kochen was man will):

Lebensmittel werden bevorzugt als gut und „natürlich“ definiert, wenn sie „natur belassen“ sind. Obgleich Kochen sonst als beeindruckender zivilisatorischer Akt gilt – die Verwandlung rohen Materials in kulturell anerkannte Speisen – läuft es hier nun andersherum: Gerade das Unverarbeitete wird geschätzt. Wird anderswo der möglichst fein raffinierte weiße Zucker angepriesen wird, drehen sich nun die Vorzeichen um; brauner Zucker, braune Nudeln; „Kultur“ als immer währende Verfeinerung und Gestaltung hat ausgedient; erhalten, beziehungsweise gestärkt bleibt allerdings das Motiv der Reinheit.

Die Rohköstler gehen noch weiter und grenzen sich wiederum von dem Großteil der Vegetarier ab: „Tot“ ist, was zu hoch verarbeitet oder erhitzt wurde

>> weiter in Ethmundo

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25.02.10

Deshalb bleiben indonesische Ethnologinnen zu Hause

Hierzulande ziehen viele Ethnologen in die Ferne, um zu forschen. So ist das nicht in Indonesien. Die meisten Ethnologen forschen in ihrem eigenen Land - unter anderem um das von “westlichen” Ethnologen verbreitete Bild Indonesiens zu korrigieren, erklärt Nina Gaiser in ihrem Paper “Indonesische Ethnolog/innen in Jogjakarta – Studium, Beruf und Wissenstransfer“.

Sie zitiert einen Ethnologiedozenten an der Uni Gadjah Mada in Jogjakarta:

“The problem is, that research results published in a journal are always from the centre of the discourse. So it’s always the people from Germany, from the US, from the Netherlands or Australia who publish. But what they publish on Islam, that’s always kind of a misrepresentation, misinterpretation of culture and religion. […] We have our own genius to talk about Islam. But the knowledge about Islam is constructed by the first nations, Europe and the US. It’s not from Indonesia for instance. So that’s actually my concern.”

Ausschlaggebend ist laut Gaiser nicht wo man forscht, sondern was man erforscht und wie “nützlich” die Forschung für die Gesellschaft ist:

Ein Großteil der Befragten, viele von ihnen in NGOs tätig, sprach sich sogar aktiv für ethnologische Forschung aus, bei welcher der Forscher oder die Forscherin direkt für eine bestimmte Gruppierung oder Sub-Kultur Partei ergreift. Sie empfinden rein akademische Forschung als langweilig oder sinnlos, da die produzierten Forschungsergebnisse keinen Nutzen hätten. „I was so sick of that“, beschreibt eine Informantin, „and decided to stop doing research with those perspectives […] like academic research. Now I work with the people. […] It’s more, ya, action research: I learn from the people, we set up projects together. So it’s like advocacy work to empower kampung people“.
(…)
Moralische Bedenken treten nur dann auf, wenn ein Verdacht des Missbrauchs ethnologischer Forschungsergebnisse, durch Unternehmen oder Regierungen, besteht. Im Allgemeinen scheint jedoch die Tendenz zu bestehen, angewandte und theoretische Ethnologie verbinden zu wollen, mit dem Ziel etwas in der Gesellschaft zu verändern.

Nina Gaiser’s Arbeit ist das Ergebnis eines interessanten Zusammenarbeitsprojekts des Instituts für Völkerkunde der Uni Freiburg (Breisgau) und der Fakultas Ilmu Budaya der Universitas Gadjah Mada in Jogjakarta:

Es handelt sich dabei um ein interkulturelles Tandemprojekt, in welchem deutsche und indonesische Studierende gemeinsam forschen. Die Lehrforschung findet jährlich abwechselnd in Indonesien und Deutschland statt. Es wird in Zweierteams geforscht, bestehend aus jeweils einem deutschen und einem indonesischen Studierenden. Es geht darum als gleichberechtigte Forschungspartner übereinander aber zugleich miteinander zu forschen.

>> Download des Papers “Indonesische Ethnolog/innen in Jogjakarta - Studium, Beruf und Wissenstransfer”

Einen æhnlichen Fokus auf den praktischen Nutzen von Forschung finden wir in mehreren afrikanischen Ländern, siehe The resurgence of African anthropology

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  18:42:20, von admin   . Kategorien: Feldforschung, Magister- und Doktorarbeiten

Entfremdende Feldforschung

Jeanne Labigne ist nicht die einzige Ethnologin, die ihr Hobby zur Magisterarbeit gemacht hat. Doch ihre Feldforschung hat sie von ihrem Hobby entfremdet. “Ich bin durch die Magisterarbeit kritischer geworden", sagt die 28-Jährige im Gespräch mit dem Spiegel. “Ich gehöre nicht mehr dazu.”

Jeanne Labignes Leidenschaft ist/war Streetdance. Vor drei Jahren tanzte sie zusammen mit ihrer Freundin Hanneke im Finale der weltbesten House-Tänzer in Paris: bei “Juste Debout“, dem, so der Spiegel, größten Streetdance-Festival der Welt.

“Viele Jugendliche fühlen sich vom urbanen Tanz angezogen, weil sie anders sein und nicht zum Mainstream gehören wollen", erzählt sie. Nun ist ihr klar geworden das sie genau das sind: Mainstream. Was sie besonders abstösst ist der Leistungsgedanke, das unbedingte Gewinnenwollen.

>> weiter im Spiegel

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Initiationsriten: Merkwürdige Weisse

Rollmöpse, frische Hefe und rohe Schweineleber essen, dann alles mit viel Alkohol runterspülen – Focus schreibt über die Initiationsriten bei Gebirgsjägern in Deutschland. Diesmal sind es mal nicht Einwanderer aus fernen Ländern, die mit “exotischen” Ritualen auffallen, die eine Ethnologin erklären muss.

“Entwürdigende Mutproben und Aufnahmerituale wie bei den Gebirgsjägern sind nichts Singuläres. Ethnologen erkennen in den Initiationsriten eine Konstante der Menschheitsgeschichte", schreibt das Blatt und interviewt Sabine Doering-Manteuffel von der Uni Augsburg.

Wir lesen:

Ursprünglich markiert ein Initiationsritus den Übergang vom Kindes- ins Erwachsenenalter. In den Stammeskulturen stehen die dabei verlangten Mutproben in unmittelbarem Zusammenhang mit überlebenswichtigen Fähigkeiten, zum Beispiel der Jagd. Nach einem solchen Ritus zählt der junge Stammesangehörige als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft und übernimmt Rechte und Pflichten, die er zuvor nicht hatte.

„Bei diesen Riten handelt es sich um einen Schwellenzustand“, erklärt Doering-Manteuffel „Die Vorgänge in der Kaserne in Mittenwald zeigen deutliche Parallelen dazu: Die Soldaten geben freiwillig ihren Status ab, lassen sich demütigen und werden dadurch erhöht. Nach dem Ritual gehören sie einer Gemeinschaft Gleicher unter Gleichen an.“ Vor allem in männlichen Gruppen ist das Hauptmerkmal immer das Thema, Gefühle wie Angst, Unsicherheit, Ekel oder Scham, zu überwinden.

Solche Rituale sind besonders bei Gruppen beliebt, die sich als Elite auffassen. Recht krass ging es bis vor kurzem an französischen Elite-Unis zu.

>> weiter im Focus

Die ZEIT hat sich auch dem Thema angenommen und interviewt Männerforscher Ludger Jungnitz über Gewaltrituale in Hierarchien

Mehrere Politiker haben die Bundeswehr-Rituale scharf kritisiert und forderten - typisch Politiker - Verbote.

Der dpa sagte der Ethnologe Guido Sprenger, solche Traditionen könne man nicht verbieten. Ratsamer sei es, die Rituale kontrolliert zuzulassen und zu integrieren:

“Es gibt auch in anderen Organisationen, zum Beispiel manchen Studentenverbindungen, Aufnahme-Rituale, bei denen mit den Novizen recht ruppig umgegangen wird. Das ist aber bekannt. Jeder, der eintritt, weiß, was auf ihn zukommt. Die Bundeswehr ist ein separater Bereich in unserer Gesellschaft, in der andere Werte wie Hierarchie und Unterordnung zählen".

Mittlerweile ist der in Kritik geratene Hochgebirgszug des Gebirgsjägerbataillons 233 der Bundeswehr im oberbayerischen Mittenwald vorübergehend stillgelegt worden.

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Die faz träumt von edlen Wilden

“Die Sentinelesen - das isolierteste Volk der Welt", titelt die faz obwohl Ethnologe Pandya (vermutlich Vishvajit Pandya) sich bemüht, die Vorurteile des faz-Journalisten zu widerlegen.

“Sie beschäftigen sich als Ethnologe mit einem Volk, das von unserer Zivilisation vollkommen unberührt geblieben ist.” So beginnt Journalist Alard von Kittlitz das Interview mit dem Ethnologen. Pandya antwortet:

- Isoliertheit und Feindlichkeit sind Begriffe, die uns bei der Konstruktion eines Bildes von den Sentinelesen helfen sollen. Wir träumen darin von der ersten Begegnung mit einem Volk von Wilden. Tatsächlich ist der Golf von Bengalen ein seit Jahrhunderten genutzter Handelsweg. Die Sentinelesen wissen also schon lange, dass es die Außenwelt gibt. Und sie haben eine Vorstellungen davon, wer wird sind. Von Unberührtheit kann keine Rede sein.

Die Sentinelesen sind nicht so aggressiv, wie der Mythos uns glauben machen möchte, sagt er und warnt vor stereotypen Bildern:

- Wir müssen aufpassen, dass wir aus ihnen nicht einen Mythos machen, der eine aus anthropologischer Perspektive verantwortungslose Außenwelt neugierig auf die „Steinzeitmenschen“ macht. Man kann die Sentinelesen schon jetzt auf Youtube sehen, christliche Websites erkennen in ihnen die letzten Kinder Gottes. So lange wir sie nicht weiter erforschen, bleiben sie Projektionsfläche und passive Opfer der modernen Welt. Ein kontrollierter Zugang hingegen würde nicht nur unser Verständnis der eigenen Vergangenheit fördern. Vielleicht würde er auch dazu führen, dass die Sentinelesen die Entscheidung über ihre Zukunft selber treffen dürfen.

>> weiter in der faz

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08.02.10

Neuperlach: Wie Schule, Eltern und Medien "Ausländerprobleme" schaffen


Der Münchner Stadtteil Neuperlach. Bild: Altweibersommer, flickr

Viertel mit vielen Ausländern haben nicht immer den besten Ruf. Ghetto und Gewalt - so zeigen die Medien auch den Münchner Stadtteil Neuperlach. Die Sueddeutsche interviewt Veronika Knauer, die ihre Magisterarbeit in Ethnologie über Neuperlach geschrieben hat.

Knauer, die selber in Neuperlach aufgewachsen ist, aber nicht mehr da lebt, ging folgenden Fragen nach: Wie nehmen die Neuperlacher ihr Viertel wahr? Welche Rolle spielt für sie Herkunft? Wie erleben sie das Zusammenleben mit Menschen unterschiedlicher kultureller Hintergründe?

Ihre Studie zeigt wie das Denken in kulturellen Kategorien ein Produkt der Erziehung ist. Für Kinder gibt es die Kategorie “Ausländer” nicht, erzählt sie:

Ich habe eine vierte Klasse beim Unterricht beobachtet und sie kurze Aufsätze schreiben lassen zum Thema “Mein bester Freund oder meine beste Freundin“. Das Ergebnis war überraschend: Die Kinder denken überhaupt noch nicht in den Kategorien “Ausländer – Deutsche“ oder “Wir – Die“, wie die Älteren.

Diese Kategorien werden durch die Schule, die Eltern und die Medien erst erzeugt. Gerade durch den Lehrplan werden solche Denkweisen sehr stark vermittelt: Hier wird oft von “den deutschen Kindern“ und “den ausländischen Kinder“ geredet, wenn auch meist im Zusammenhang mit Integration. Da heißt es dann “Wir müssen die ausländischen Kinder integrieren“ oder es werden Themen diskutiert wie “Welche Kultur haben ‘Die’, welche Kultur haben ‘Wir’?“.

Die erwachsenen Bewohner lehnen das durch die Medien vermittelte Bild Neuperlachs als sozialen Brennpunkt ab. Sie sind der Meinung, dass es mit Ausländern keine Probleme gibt. Die Kategorien “Wir – die Anderen", so Knauer weiter, sind dennoch in den Köpfen der Menschen fest verankert.

Veronika Knauer ist eine der Autorinnen des Sammelbandes “München migrantisch – migrantisches München. Ethnographische Erkundungen in globalisierten Lebenswelten”, der heute abend in München vorgestellt wurde. Ihr Aufsatz heisst „Learning Ethnicity – Oder: Wie nehmen die Bewohner Neuperlachs ihre multikulturelle Wohnsituation wahr?“ Der Band wird herausgegeben von Sabine Hess und Maria Schwertl.

>> zum Interview in der Sueddeutschen

Sabine Hess leitete die Ausstellung Crossing Munich über Migration in München.

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28.01.10

Integrations-Studie: Der nationale Diskurs grenzt aus, der lokale schliesst ein

Sie sind überzeugte Hamburger oder Berliner, doch sehen sich nicht als Deutsche. Das zeigt die Studie “At Home in Europa - Muslims in Europa” des Londoner Open Society Institute. In elf europäischen Städten untersuchten Forscher die Identifikation muslimischer EinwohnerInnen mit der Mehrheitsgesellschaft.

Rund 70% der Muslime in Berlin und Hamburg sind Lokalpatrioten und identifizieren sich mit ihrer Stadt. Doch nur 25 Prozent der Befragten betrachten sich als Deutsche. Und nur 11 Prozent sind der Meinung, auch von anderen als Deutsche angesehen zu werden.

Beim nationalen Zugehörigkeitsgefühl der Muslime erzielte Deutschland den niedrigsten Wert, England den höchsten. Selbst unter in Deutschland geborenen Muslimen in Berlin fühlen sich nur 35% als Deutsche. Dagegen sehen sich 94 Prozent der in England geborenen Muslime in Leicester als Engländer.

Die Integration in Deutschland funktioniere lokal vor Ort, nicht jedoch auf nationaler Ebene, kommentiert Ethnologe Werner Schiffauer, der auch an der Studie teilnahm. Der nationale Diskurs grenze aus, der lokale schliesse ein, so Schiffauer in der taz:

“Während der nationale Diskurs abstrakte Fragen wie Werte und Voraussetzungen von Zugehörigkeit in den Fokus stellt, geht es lokal um pragmatische Fragen von Partizipation und praktischem Zusammenleben.”

Die Studie, so Schiffauer in der Berliner Umschau widerlege den weitverbreiteten Eindruck, Muslime wollten sich „ausgrenzen“. Der Grossteil der Befragten würde gerne in ethnisch und kulturell gemischten Wohngegenden leben. Die Vermutung, dass vor allem Araber und Türken nicht integriert werden wollen, sei falsch.

Einen wesentlichen Grund für die schlechte nationale Integration sehen die Forscher im exklusiven, deutschen Staatsbürgerrecht, schreibt der Tagesspiegel. Etwa die Hälfte der Muslime in Berlin könne keinen Einfluss auf die Politik nehmen oder ihre Stadtteile mitgestalten,

Diskriminierung sei eine bedeutende Barriere für die Integration, können wir in der Studie nachlesen, die gratis im Netz zum Herunterladen zur Verfügung gestellt wurde. Die Forscher empfehlen unter anderem, Hasskriminalität und rasistisch motivierte Taten genau zu registrieren.

Besonders in Deutschland, wo noch das Blut-und-Boden-Prinzip vorherrscht, sind Reformen des Staatsbürgerrrechtes notwendig. Es solle einfacher werden, die Nationalität seines Wohnlandes anzunehmen. “Being German means ethnicity, that’s why I can’t be German, but I can be a German citizen”, so ein Informant. Auch “Ausländern” sollte das Wahlrecht garantiert werden, so die Forscher der Studie.

>> Download der Studie und diverser Zusammenfassungen (!)

Es wäre schön, wenn alle Forschungsergebisse so leser- und medienfreundlich aufgearbeitet und nicht - wie sonst üblich - in oft schwer zugänglichen Papirbüchern versteckt würden.

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Widerlegen Vorurteile über Suchtkranke

Berner Ethnologen haben in fünf Schweizer Städten den Alltag Suchtkranker studiert, meldet Pressetext Schweiz. Sie fanden heraus, dass Informationsstand über diese Menschen gering ist und von Vorurteilen geprägt ist.

“Oftmals hören diese Menschen den Zuruf, sie sollten doch eine Arbeit suchen. Die meisten glauben, sie seien arbeitsunwillig, faul und jung", sagt Ethnologin Corina Salis Gross, die die Studie leitete.

Kaum im Bewusstsein sei allerdings die Tatsache, dass kaum jemand freiwillig auf der Straße lebt:

“Nur sehr wenige wie etwa manche Punks wählen diese Lebensform bewusst, zufrieden ist damit niemand. In der Regel rutscht man hinein durch eine Verkettung biografischer Umstände", so die Ethnologin. Jeder dritte wurde bereits sexuell missbraucht, bei Frauen waren es sogar zwei von drei. Ebenso viele gaben an, wegen Krankheit oder Gewalt bereits einmal “fast gestorben” zu sein. Allgegenwärtig sind psychische und physische Leiden wie Gelenk- und Knochenschmerz, Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit bis hin zu Suizidversuchen.

Die Situation der “Randständigen” hat sich laut der Studie in den letzten Jahren verschärft, schreibt die Basler Zeitung. Die verstärkte Imagepflege der Städte und der Ökonomisierung des öffentlichen Raums verdränge die Suchtkranken.

Die fünf untersuchten Städte gehen verschieden mit den Randgruppen um:

Bern etwa hege mit Repression und dem Anbieten von Alternativen ihr Bild als saubere Stadt, in der Sicherheit und Ordnung herrschten, so die Autoren. Chur ignoriere die Randständigen und überlasse sie sich selbst und Zürich halte mit einem liberalen Ansatz die Szenen auf eine stadtverträgliche Weise unter Kontrolle.

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