NEU (10.11.05): >> Ethno-Blog-Newsticker (auf Deutsch)
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Ursprünglich wurde im äussersten Südwesten der Steiermark sowohl slowenisch wie deutsch gesprochent. Seit 150 Jahren allerdings wird die slowenische Sprache zunehmend verdrängt. Dies zeigt der Grazer Ethnologe Klaus-Jürgen Hermanik in seiner jüngsten Publikation auf, meldet der ORF.
“Man versteckte die slowenische Sprache in der Steiermark so gut, wie es nur geht", schreibt er in seiner Monographie “Eine versteckte Minderheit. Mikrostudie über die Zweisprachigkeit in der steirischen Kleinregion Soboth". Mittels Archivstudien und anonymisierter Interviews erforschte der Ethnologe diesen Prozess.
Die slowenischsprachige Minderheit wurden von der Mehrheitsgesellschaft massiv bedrängt. Zweisprachiger Schulunterricht war kein Thema. Und ein Gefühl des Wir-steirischen-Slowenen ist nicht aufgekommen".
>> Besprechung des Buches auf H-Soz-u-Kult
>> Klaus-Jürgen Hermanik: Die versteckte slowenischsprachige Minderheit in der Steiermark (Artikel in “Trans - Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften")
SIEHE AUCH:
Dänen, Sorben, Rastafaris: Deutsche Minderheitenpolitik
Bilingualism and multiculturalism: New issue of Durham Anthropology Journal
“Was zu DDR-Zeiten Jugendweihe hieß und aus Jugendlichen der DDR „sozialistische Persönlichkeiten“ machen sollte, hat in den vergangenen Jahren einen enormen Zulauf bekommen", meldet die Berliner Zeitung
Die Organisatoren von Jugendfeiern sehen sich allerdings nicht mehr in der Tradition des Sozialismus. Sie beziehen sich auf eine über 150 Jahre alte Tradition der Jugendweihe und nennen das Fest heute Jugendfeier, lesen wir.
Das Blatt zitiert Ute Mohrmann, emeritierte Professorin für Ethnologie und Volkskunde der Berliner Humboldt-Universität, die sich mit dem Brauch der Jugendweihe nach der Wende beschäftigt hat. „Es gibt den Wunsch nach einem ritualisierten Abschied von der Kindheit“, sagt sie. Jugendfeiern seien heutzutage vor allem Geschenk- und Familienfeste.
>> weiter in der Berliner Zeitung
Auch vor 11 Jahren, in Focus Nr. 14 (1997) konnten wir ueber die Popularitaet der Jugendweihe lesen. Und auf YouTube gibt es jede Menge Jugendweihe-Videos
Solche Uebergangsriten sind ueberall auf der Welt verbreitet
Was ist los in Tibet? Es ist nicht einfach, sich ein Bild zu machen. Berichterstattung und Meinungen zum Konflikt haben viel mit Ideologie zu tun, mit romantischen Vorstellungen ueber Tibet oder China sowie mit anti-China-Kampagnen (USA-gesteuert?). In letzter Zeit mehrten sich kritische Stimmen zur Berichterstattung in den Medien, die man als eher pro-Tibet als pro-China bezeichnen kann.
Kuerzlich sagte Ethnologe Koen Wellens in eine Interview mit Uniforum (Blatt der Uni Oslo), dass die Demonstrationen der Tibeter in Lhasa nicht politisch motiviert waren, sondern Ausdruck von Hooliganismus seien. Diesen Eindruck hinterlaesst auch ein Bericht in der taz:
Sie begannen, mit Steinen auf chinesische Geschäfte zu werfen. Manchmal wussten sie nicht, ob ein Geschäft Chinesen oder Tibetern gehörte. Im Zweifel schlugen sie trotzdem zu.
Ein anderer Ethnologe - Ingo Nentwig - hat in letzter Zeit Aufsehen erregt (u.a. in China Daily) mit seiner Behauptung “Die tibetische Kultur blüht und gedeiht in China”. Im Interview mit German Foreign Policy sagt er:
China hat eine gigantische Produktion an Büchern, Zeitungen und Zeitschriften in tibetischer Sprache, es gibt zahlreiche tibetische Verlage, nicht nur in Tibet, sondern auch in den angrenzenden Provinzen und sogar in Peking - die Tibetologen sind gar nicht in der Lage, das alles wahrzunehmen.
Tibetische Schriftsteller schreiben auf Tibetisch und auf Chinesisch. Sie können nicht nur tibetische Literatur kaufen, sondern auch tibetische Übersetzungen zum Beispiel von Shakespeare, Hugo und Balzac. Es gibt eine Akademie für traditionelle tibetische Medizin in Lhasa. Das berühmte Gesar-Epos, die wichtigste mündliche Überlieferung der Tibeter, wird umfassend erforscht. Sänger dieses Epos’, die stundenlang, teilweise tagelang vortragen, werden hofiert und dokumentiert. Von irgendetwas wie “kulturellem Völkermord” kann überhaupt keine Rede sein.
Nur bei der Religion gebe es Einschränkungen:
Allerdings betrifft es nicht die einfache Religionsausübung. Jeder Tibeter kann seinem buddhistischen Glauben nachgehen, ohne dabei behindert zu werden. Religiöse Funktionsträger aber, die versuchen, oppositionelle Politik zu machen, bekommen Schwierigkeiten. Die Forderung nach der Unabhängigkeit Tibets wird strafrechtlich verfolgt, was mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung nicht in Einklang zu bringen ist.
Die Behauptung, Tibet wuerde von Han-Chinesen “ueberschwemmt", sei auch falsch. In der Hauptstadt Lhasa gebe es sicherlich sicherlich mehr als 50 Prozent. Ausserhalb Lhasa verlassen wuerden einem kaum noch Han-Chinesen begegnen. Mehrere Gebiete, in denen Tibeter leben seien schon immer “multiethnische Gebiete” gewesen.
Es gebe viel Spielraum für Verbesserungen, sagt er:
Man soll China durchaus kritisieren. Man soll das aber konkret und auf der Grundlage von Sachkenntnis tun und nicht einfach dummes Zeug reden.
(…)
Ich würde wagen zu sagen, dass Indien jeden Monat in Kaschmir mehr Menschenrechtsverletzungen begeht als China in den letzten zehn Jahren in Tibet. Sie brauchen nur in die Zeitung zu schauen, wie unterschiedlich die Darstellung ist.Das rechtfertigt natürlich nichts von dem, was in China passiert, und ich kritisiere das scharf. Aber die Verhältnismäßigkeit ist in der medialen Darstellung überhaupt nicht mehr gegeben. Da kann ich dann auch die chinesische Regierung verstehen, dass sie sich unfair behandelt fühlt, weil der Westen auf ihr in einem Ausmaß rumhackt, das sie wirklich nicht verdient hat.
>> weiter zum Interview in Germa Policy
In einem Interview mit JungeWelt betont er die Vielfalt an Meinungen unter Tibetern:
Ich habe im Rahmen meiner Feldstudien mit Hunderten Tibetern gesprochen, darunter auch mit etlichen Mönchen. Deren Haltungen und Meinungen in puncto Politik sind so heterogen, wie sie nur sein können. Die einen mögen die Chinesen nicht, wenden sich aber dennoch gegen eine Unabhängigkeit. Andere kommen außerordentlich gut mit den Chinesen zurecht, wieder andere wollen sich von China lossagen. Das Bild von den guten Tibetern und den bösen Chinesen ist plumpe Schwarzweißmalerei.
(…)
Nach meinem Gefühl besteht aber gerade bei der einfachen Landbevölkerung, die den Großteil des tibetischen Volkes stellt, eine große Mehrheit für den Verbleib Tibets im chinesischen Staatsgebiet. Entsprechend gut ist dort auch das Verhältnis mit den Han-Chinesen. Auf antichinesische Einstellungen stößt man vornehmlich bei den Eliten.
Ingo Nentwig hat auch eine Webseite, die jedoch schon lange nicht mehr aktualisiert wurde.
Siehe auch das taz-Special zu Tibet und den Kommentar Protestaktionen für Tibet - Qui bono? von Claus-Dieter Stille auf Readers Edition. Wie immer lohnt sich die Lektuere auf GlobalVoices zu Tibet
SIEHE AUCH:
“Racist” Buddhist monks hope for “ethnically clean” Tibet?
The special thing about the Tibet protests
«Angry Monk» - neuer Tibet-Film des Zürcher Ethnologen Luc Schaedler
(via Kulturwissenschaftliche Technikforschung) “Das Fach Kulturanthropologie / Volkskunde ist an der Universität Bonn akut bedroht", heisst es auf der neugestarteten Webseite Rettet die Volkskunde. Am 7. Mai 2008 wird der Rat der Philosophischen Fakultät entscheiden, ob die Bonner Volkskunde abgeschafft wird:
Pläne des Rektorats sehen die Einsparung von insgesamt 39(!) Stellen an der Philosophischen Fakultät vor. Die Institute sind somit durchschnittlich mit Einsparzwängen von vier Stellen konfrontiert. Um die problematische Haushaltslage zu „überwintern” hat der Vorstand des Instituts für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft eine „Einfrierung” aller wissenschaftlichen Abteilungsstellen der Kulturanthropologie / Volkskunde beschlossen.
Was heißt das? Die „Einfrierung” sieht – vorausgesetzt die Finanzlage hat sich bis dahin gebessert – 2011 eine Wiederbesetzung des Lehrstuhls vor; was bis dahin geschieht ist ungewiss.
(…)
Damit nicht genug: Vertreter des Instituts lassen verlauten, dass eine Einstellung des Profils Kulturanthropologie / Volkskunde bereits zu diesem Wintersemester sowie ein MA-Start ohne das Profil Kulturanthropologie / Volkskunde erwogen werden.
Eine Rettungsaktion wurde gestartet, um gegen die de facto-Abschaffung der Kulturanthropologie/Volkskunde zu protestieren und sich an Entscheidungstraeger zu wenden:
- Machen Sie deutlich, dass unsere Gesellschaft neben den Modeerscheinungen so genannter Exzellenzcluster auf die Forschung und Lehre einer vielseitigen Philosophischen Fakultät nicht verzichten kann.
- Zeigen Sie auf, dass unsere Region einen Hochschulstandort Bonn benötigt, der nicht nur jüngsten Forschungstrends folgt und neuartige Labore einrichtet, sondern über traditionsreiche wie gesellschaftlich wichtige Geisteswissenschaften verfügt, deren Erhalt es gleichermaßen zu sichern gilt.
- Schreiben Sie Briefe und Mails, führen Sie Telefonate. Machen Sie auch Bekannte und Freunde auf die Situation aufmerksam, die programmatisch für die Veränderungen unserer deutschen Hochschullandschaft sind und die auch Sie beeinflussen können. Jede Stimme zählt!
>> mehr auf der Webseite “Rettet die Volkskunde”
SIEHE AUCH:
Exzellenzinitiative bedroht Geisteswissenschaften
Petition gegen Streichungen: Münchner Ethnologiestudierende erzielen erste Erfolge
Weiterhin Hungerlöhne an den Unis: Ethnologe fühlt sich ausgebeutet
Kein Ethnologiestudium mehr an der Uni Göttingen
Kein Platz mehr für Ethnologie: Uni Innsbruck stutzt “Orchideenfächer”
Protestblog und Bilder: Kollaps des Instituts für Sozialanthropologie in Wien
Es passiert nicht oft, dass Journalisten Fachtagungen besuchen oder ueberhauit darueber berichten. Keine gute Werbung fuer unser Fach scheint die Konferenz “Dinge auf Reisen” der “Kommission für Tourismusforschung in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde” in München gemacht zu haben - lesen wir im Artikel von Florian Welle in der Sueddeutschen.
Die Referenten scheinen keine spannende Analysen geliefert zu haben:
Fundierte volkskundliche Forschung zeichnet sich jedoch durch ein hohes theoretisches wie methodologisches Reflexionsniveau aus. Ihre Arbeit beginnt erst nach der minutiösen Beobachtung unseres räumlich, zeitlich und sozial komplexen Alltags.
Wenig allerdings war davon in München zu erahnen. Die Kritiker des Faches und aller “Material Cultural Studies” hätten ihre Vorurteile bestätigt gefunden. Denn die Mehrzahl der Vorträge blieb auf der beschreibenden Ebene ihres Materials.
(…)
Die wohlwollend vorgetragenen methodologischen Einwände von den Größen des Fachs - dem Schweden Orvar Löfgren, dem Emeritus Helge Gerndt, der Münchner Professorin Irene Götz - wurden von vielen Rednern nonchalant abgetan. Auf diese Weise stärkt man weder den innerfachlichen Dialog noch die Wahrnehmung des Faches von außen.
Wie lebte man im KZ? Dieser Frage haben sich auch 15 Studenten des Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien angenähert, melden oesterreichische Medien.
In einem dreisemestrigen Projekt konzipierten die Studenten für die Gedenkstätte im Konzentrationslager Dachau die Ausstellung “Zeit Raum Beziehung”, die bis zum 14. September im Wiener Volkskundemuseum zu sehen ist.
In der Ausstellung geht es vor allem um Beziehungen: um Freundschaften, um Kontakte zur Außenwelt - und vor allem um Beziehungen zu Dingen, die zu Erinnerungsstücken wurden. Texte erzählen von heimlichen, geschmuggelten Geschenken, einer Mundharmonika oder einer winzigen Statuette. Zu den Recherchen gehörten auch Interviews mit Zeitzeugen sowie mit deren Angehörigen.
>> Vienna Online: Leben in Dachau: “Zeit Raum Beziehung” im Volkskundemuseum
>> Der Standard: Ausstellung: Die Blechschüssel als “KZ-Lektion”
>> ORF: Alltag im Albtraum. Dachau-Ausstellung im Volkskundemuseum
>> Zeit Raum Beziehung: Webseite der Ausstellung
Uebrigens: Der ORF hat das Institut für Europäische Ethnologie ins Institut für österreichische Ethnologie umbenannt
SIEHE AUCH:
In der Ethnologie haben wir Evifa, fuer Suedasien speziell gibt es Savifa - eine virtuelle Fachbibliothek, ein Wegweiser durch die fachlich relevanten Ressurcen im Internet. Savifa ist interdisziplinaer und wird von der Uni Heidelberg betrieben(Südasien-Institut - UB Heidelberg).
Wie suedasien.info meldet, ist soeben das erste Themenportal fertig geworden und im Netz. Es heisst Varanasi Displayed und präsentiert (An-)sichten der Stadt Varansi am Ganges, die auch Benares oder Kashi genannt wird. Das Themenportal beinhaltet eine virtuelle Fotogalerie mit Bildern des Fotografen Thomas Effinger, zwei historische Reisebeschreibungen und eine Bibliographie , die aus dem Varanasi Research Project am Südasien-Institut der Universität Heidelberg hervorgegangen ist.
Sudan - Ansichten eines zerrissenen Landes heisst das neue Buch des Ethnologen Bernhard Streck, das soeben in der faz besprochen wurde. Streck geht es weniger um eine politische Analyse, sondern um eine Beschreibung und Erklärung aus ethnologischer Perspektive.
Obwohl es genug Information ueber den Sudan gebe, so Streck, “scheitern bislang alle westlichen Erklärungsmodelle: ein enormer Schub an technischem Fortschritt auf der einen, staatlich verordnete Exzesse von Grausamkeit auf der anderen Seite".
In vielen Analysen dreht sich der Konflikt um Religon: Der islamisch geprägte Norden versuchte demnach den christlichen Süden unter seine Kontrolle zu bringen. Diese Interpretation habe, so Streck, einiges für sich, reiche aber als Erklärung nicht aus.
Als “Opfer des islamistischen Aufbruchs in Sudan” sehe der Autor, so die faz, weniger die Christen, für die der Islam ja traditionelle Schutzrechte kenne, sondern die Anhänger lokaler Religionen.
An der Rezension merkt man, dass weiterhin einiges unklar bleibt oder nicht ausreichend erklaert wurde. Laut einer Besprechung im Südwind Magazin 12 / 2007 setzt Strecks Buch Grundkenntnisse über den Sudan voraus. Und der Grossteil des Buches sei “trockenen wissenschaftlichen Höhenflügen gewidmet".
>> Besprechung in der faz 30.3.08
>> Besprechung im Südwind Magazin 12 / 2007
>> Radio-Interview mit Bernhard Streck (WDR5)
SIEHE AUCH:
Schreibt in der WELT (regelmässig?) über ihre Feldforschung im Sudan
Challenges of Providing Anthropological Expertise: On the conflict in Sudan
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