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13.06.10

  16:27:13, von admin   . Kategorien: Ethnologie allgemein, Wir und die Anderen, Medien, Afrika

(aktualisiert) Ethnologen: WM-Berichte verbreiten Vorurteile über Afrika

Man soll nicht sagen, Ethnologen würden sich nicht in aktuelle Debatten einbringen. Barbara Meier und Arne Steinforth von der Uni Münster nutzten die Fussball-WM, um einen Dauerbrenner im Fach öffentlich zu diskutieren: die exotisierende Darstellung Afrikas in den Medien.

“Noch ehe der Startschuss zur Fußball-Weltmeisterschaft (WM) in Südafrika gefallen ist, häufen sich die Schauermärchen über archaische „okkulte Praktiken“ im afrikanischen Fußball in den deutschen Medien", schreiben sie. In vielen Berichten “fertigen die Medien einen ganzen Kontinent als irrational, archaisch und abstoßend ab und bestätigen längst überholte Vorurteile". Die Medien hätten eine grosse Chance vertan, das Interesse an Gesellschaften Afrikas mit differenzierten Berichten zu wecken:

Schon die Wortwahl mancher Berichte zum Thema „Magie im Fußball“ diskriminiert einen ganzen Kontinent. Afrika mit seinen 53 Staaten, Tausenden von unterschiedlichen Gesellschaften und ebenso vielen Sprachen wird darin zur Heimat von nicht näher be- stimmten „Stämmen“, die ihr Schicksal blind in die Hände von „Hexenmeistern“ und „Scharlatanen“ legen. Viele Berichterstatter haben offenbar einen eingeschränkten Einblick in die Gesellschaften, über die sie schreiben – bedienen aber zuverlässig die Vorurteile ihrer Leser. Dadurch verkaufen sie ein exotisches Afrikabild, das dem der „Wilden“ und „Kannibalen“ aus Kolonialtagen in nichts nachsteht.

“Spirituelles Doping” vor dem Fussballmatch gibt es natürlich in Afrika. Aber nicht nur dort. Fußball ist überall auf der Welt von einer Vielzahl von Ritualen umgeben, auch in Deutschland:

Auch in Deutschland knüpfen Spieler, Trainer oder sogar Fans und Vereine Beziehungen zur Welt des Religiösen, wenn sie um sportlichen Erfolg ringen: Spieler berühren beim Einlaufen ins Stadion aus offenbar unerfindlichen Gründen die Seitenauslinie, ihre Brust oder ihre Stirn; Trainer tragen wochenlang rätselhafte Glückskrawatten; Fans empfinden es als Unheil verheißendes Sakrileg, ihre Fan-Trikots während der Saison zu waschen. Fußballvereine machen religiöse Führer zu Vereinsmitgliedern, richten eigene Friedhöfe für Fans ein, oder sie bauen christliche Kapellen in das spirituelle Zentrum ihrer Stadien – genau unter dem Anstoßpunkt.

>> zum Beitrag von Barbara Meier und Arne Steinforth. Mehrere Medien berichteten darüber, u.a. Focus, Stern und die Sueddeutsche (siehe vollstaendiger Medienspiegel).

Doch sind die Ethnologen so viel besser als die Medien? Afrikanet.info hat in den vergangenen Tagen viel über das Afrikabild in den Medien geschrieben. Im Beitrag Selbstbilder vs Fremdbilder stellt Simon Inou das “Afrika der Ethnologen” ("Hier lernen wir wie primitiv AfrikanerInnen sind. Wie folkloristisch unsere Kultur und Kunst sind") den Bildern mehrerer afrikanischer Zeitschriften ("signalisieren Aufbruch, zeigen ein neues und anderes Afrika“) gegenüber. Afrikanet.info gibt auch Tips: Wie Medienmacher korrekt über Afrika berichten können

Ein Klassiker zum Thema ist der Text How to Write about Africa von Binyavanga Wainaina (siehe deutsche Uebersetzung). Auf ethno::log wurde der Text einmal in einem Klischee-Check benutzt.

AKTUALISIERUNG 14.6.10 Leider fehlen konkrete Quellenangaben im Text der Ethnologen. Doch heute bittet die Märkische Allgemeine mit folgender Schlagzeile um unsere Aufmerksamkeit VÖLKERKUNDE: Ballmagie mit Talisman Ethnologen der FU Berlin über Zauberei und die Bedeutung des Fußballs für Afrika. Platz fuer Kritik ist, da, doch der Fokus ist und bleibt die Magie. Andere Beispiele: Hexenmeister in Afrika - Fußball von allen guten Geistern verlassen (Spiegel 8.6.2010). Fußball in Afrika
Rezension von Oliver G. Becker: “Voodoo im Strafraum” und Bartholomäus Grill: “Laduuuuuma!”
(Deutschlandradio 1.5.10), Voodoo in Afrikas Fußball „Mit Leichenwasser den Gegner schwächen“ (Focus 9.6.10)

Bei dialogtexte.de gibt es Informationen zu “Fußball als transkulturelles Phänomen und “Public Viewing als religiöses Fest”

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