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08.05.16

  22:23:00, by admin  

Instituts-Webseiten: Immer noch kein Dialog mit der Öffentlichkeit

In den letzten zwölf Jahren hat sich nicht viel verändert. Die Webseiten von Ethnologie- und Sozialanthropologie-Instituten sind heute grösstenteils genauso langweilig wie 2004.


Nicht besonders attraktiv, doch beinhaltet zumindestens eine Stellungsnahme zur Flucht- und Migrationsdebatte: Die Webseite des Freiburger Instituts für Ethnologie.

Damals kam eine Untersuchung des Ethnologischen Institutes der Uni Trier zum Schluss, dass "sich die Inhalte der deutschsprachigen Internetauftritte ethnologischer Universitätsinstitute in erster Linie an den Bedürfnissen der internen Studentenschaft, schon seltener an denen eines kundigen Publikums außerhalb des eigenen Instituts und nur in Ausnahmefällen an denen der Öffentlichkeit orientieren".

Als ich mir kürzlich sämtliche Webseiten deutschsprachiger Ethnologie- und Sozialanthropologie-Institute (mehr als 30) anschaute, musste ich feststellen, dass sich in den letzten 12 Jahren nicht viel getan hat. Ein Dialog mit der Öffentlichkeit findet immer noch nicht statt. Die Webseiten sind weiterhin nur an eigene Studierende und Forschende sowie Forschungsbürokraten und Sponsoren gerichtet.

Die deutsche Ethnologin, die ich letztes Jahr in Oslo auf einer Konferenz in Oslo traf, hatte recht. Sie war beeindruckt darüber, dass mich die Uni Oslo dafür bezahlt, für die Uniwebseiten mehrere Artikel über eine Konferenz zu schreiben."So einen Service kenne ich leider überhaupt nicht in Deutschland", sagte sie. "Für administrative Dinge ist sehr wenig Geld da, die Websites werden häufig von den Sekretärinnen bestückt, die ständig am Rand ihrer Belastbarkeit sind." (Siehe auch früherer Beitrag zum Thema: Weder Zeit noch Geld für Medienarbeit)

An Unis in Norwegen ist Kommunikation mit der Öffentlichkeit mittels journalistisch aufgearbeiteter Forschungsnachrichen inzwischen Standard geworden - nachdem Thomas Hylland Eriksen in der Anfangszeit ziemlich lange allein auf weiter Flur war mit seinen Bemühungen, Brücken zwischen Forschung und Öffentlichkeit zu bauen.

Die letzten zehn Jahre hab ich mich deshalb so einigermassen mit Forschungsjournalismus in Oslo übers Wasser halten können. Ich habe sämtliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer mehrerer Forschungsprojekte interviewt, Studenten während ihrer Feldforschung auf vier Kontinenten angerufen und nach ihren Erfahrungen befragt, Master- und Doktorabhandlungen und neue Bücher vorgestellt - und natürlich viele Zusammenfassungen von Seminaren und Konferenzen geschrieben (siehe u.a. hier).

Die besten Webseiten

Platz 1

Aber es gibt Ausnahmen im deutschsprachigem Raum. Wenn ich eine Rangliste über die besten Institutswebseiten aufstellen müsste, dann hätte ich einen eindeutigen Gewinner - es ist die Webseite des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschung in Halle, also kein universitäres Institut.


Klare Nummer 1: Die Webseite des Max Planck-Instituts für ethnologische Forschung in Halle.

Kein anderes Institut im deutschsprachigen Raum präsentiert seine Forschung so ansprechend der Aussenwelt. Zwar ist das News-Archive etwas bürokratisch gehalten und die Beschreibungen der Forschungsprojekte etwas trocken. Doch in der Mediathek gibt es jede Menge Bilder aus der Forschung sowie neun Dokumentarfilme.

Eines der Forschungsprojekte hat einen eigenen Blog, den REALEURASIA Blog, mit imponierend vielen Beiträgen. Das Institut hat auch zwei Beiträge zum Thema Terrorismus beigesteuert: Wie Terroristen gemacht werden (von Günther Schlee) und „Wir tappen immer noch im Dunkeln“ (Interview mit Carolin Görzig)

Eine grosse Anzahl von Working Papers gibt es auch.

Platz 2

Platz zwei würde ich dem Institut für Ethnologie in München vergeben.

Auf den ersten Blick schaut die Münchner Seite so gähnend langweilig wie alle anderen Institutsseiten aus. Eine neue Welt tut sich denjenigen auf, die auf den unscheinbaren Menüpunkt "Schmankerl" klicken. Hier gibt es ansprechend aufgearbeitete Einblicke in die Forschung des Instituts. Es gibt Studentische Filme zu sehen, Ausstellungen sowie Feldforschungsberichte, u.a. über Ökotourismus-Projekte in Mexiko oder Civil Society in Pakistan oder Remoteness & Connectivity - Highland Asia in the World - und zwar mit Bildern und Videos.

Platz 3

Platz 3 würde ich an das Institut für Kultur- und Sozialanthropologie an der Uni Wien vergeben. Internes dominiert auch hier, doch in der Sektion News gibt es teilweise auch Lesestoff für die interessierte Öffentlichkeit. Es wird auf Interviews mit Forschern hingewiesen ("Migration als Chance, über uns nachzudenken") und auf Videos über ein Fieldworkslam und einen Berufsinformationsfilm. Ausserdem hat das Institut eine Webseite erstellt zum Thema: 'Mehr Als Flucht. Initiativen und Hintergründe aus Kultur- und Sozialanthropologischer Perspektive' (Hier finde ich allerdings die Idee besser als die Durchführung).

Platz 4

Ein guter Kandidat für den vierten Platz sind die Webseiten des Lehrstuhls für Ethnologie und Kulturanthropologie an der Uni Konstanz. Denn dieses Institut hat seit drei Jahren seinen eigenen Blog, wo zu aktuellen Ereignissen Stellung genommen wird, z.B. zu Der Fluch der ‚Kariben‘ - Zu Disneys Darstellung anthropophagischer Ureinwohner in Piraten der Karibik 2 oder wo Forscherinnen selbst von ihrer Forschung berichten wie z.B. Sarah Fuchs in ihrem Beitrag Armut, Kultur oder Menschenhandel? Die „Biographie des Bettelns“ in Senegals Koranschulen.

Platz 5

Zu guter Letzt auf Platz 5 die Facheinheit Ethnologie an der Uni Bayreuth. Gleich auf der Startseite werden wir auf drei studentische Videos hingewiesen, die im Seminar "Schreiben und Mediales Präsentieren: Picturing Anthropology" (SS 2015) von Valerie Hänsch entstanden sind. Herauszuheben ist die umfangreiche Photogalerie mit Bildern von Feldforschung in diversen afrikanischen Ländern.

Habe ich gute Seiten übersehen?

SIEHE AUCH:

Halle, Bern und Basel vorn - Webseiten von Ethnologie-Instituten untersucht (1.9.2004)

Weder Zeit noch Geld für Medienarbeit (17.5.2010)

Nancy Scheper-Hughes: Public anthropology through collaboration with journalists (7.8.2009)

Michael Schönhuth: Mehr Interesse für eine öffentliche Ethnologie? (15.11.2009)

25.12.14

  13:14:00, by admin  

Deutschsprachige Ethnologie-Blogs - Ein kurzer Zustandsbericht

Diesen ruhigen, stets sonnigen Weihnachtstag in Kairo, nehme ich als Anlass, einen kurzen Blick auf die deutschsprachige Ethnologie-Blogosphäre zu werfen. Einiges hat sich verändert, seitdem es wegen meiner veränderten Lebenssituation auf antropologi.info ruhiger geworden ist.

Einige neue Blogs, die sich mit Ethnologie, bzw Sozial- oder Kulturanthropologie beschäftigen, sind hinzugekommen, während mehrere beliebte Blogs am Einschlafen sind oder existieren nicht mehr.

Hier zuerst eine Übersicht über neue Blogs

Zu den Blogs, die bessere Zeiten gesehen haben, gehört leider Ethno::log aus München, ein Blog der ersten Generation, mehr als zehn Jahre alt. Nur sehr wenige Posts, die meisten sind Ankündigungen. Wildes Denken, eine Zeitlang einer der besten Blogs, scheint völlig eingeschlafen zu sein, seit März 2013 ist da Funkstille. Ethmundo, das jahrelang gute Magazinbeiträge lieferte, scheint ein ähnliches Schicksal ergangen zu sein. Sämtliche Texte sind verschwunden. Ruhiger geht es auch zu auf dialogtexte.

Weiter eifrig gepostet wird u.a. auf Teilnehmende Medienbeobachtung, dem Ethno-Podcast/Radio Der Weltempfänger und Kulturwissenschaftliche Technikforschung

Die letzten Beiträge sämtlicher Blogs werden hier aufgeführt: http://www.antropologi.info/feeds/de/ethnologie/ Die Übersicht auf http://www.antropologi.info/blog/index-de.php werde ich noch aktualisieren

Die neuesten Beträge deutschsprachiger Blogs gibt es von nun an hier: http://www.antropologi.info/feeds/german/

Welche Blogs habe ich vergessen?

23.12.13

  00:40:00, by admin  

Der neue antropologi.info Announcement Blog

Von nun an befinden sich alle Call for Papers, Stellenausschreibungen und alle sonstigen Ankündingungen auf dem neuen Announcement-Blog http://www.antropologi.info/blog/announcements/

Das Bulletin Board hatte ich wegen hartnäckigen Spam- und Hackerangriffen vom Netz neben müssen.

Wer also Ankündigen hat, kann sie gerne mir schicken, ich werde sie dann veröffentlichen.

Die neuesten fünf Ankündigungen findet Ihr immer auch hier auf diesem Blog in der Sidebar rechts.

Bisher gibt es zwei aktuelle Einträge: Einen Call for Papers für einen Sammelband in der Reihe Junge Wissenschaft im Verlag des HammockTreeRecords Kollektivs zum Thema Konsum und einen Call for Papers von Tsantsa, der Zeitschrift der Schweizerischen Ethnologischen Gesellschaft (SEG) zum Thema Anthropologie und die ontologische Wende

Categories: Internes

21.11.13

  23:17:00, by admin  

"Den Geist des Krieges beschwören": Mit EthnologInnen beim Völkerschlacht-Jubiläum


Militaristisch, historisch mahnend oder Tourismusattraktion? Das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig. Foto: Mike TheG-Forcers, flickr

Ein unwohles Gefühl befiel mich, als ich mir vor vielen Jahren das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig anschaute. Ähnlich ist es den EthnologInnen Friedemann Ebelt und Theresa George ergangen, als sie das Denkmal kürzlich besuchten um sich das Reenactment der Völkerschlacht bei Leipzig anzusehen.

Diese Nachstellung der Schlacht fand anlässlich des Doppeljubiläums 200 Jahre Völkerschlacht - 100 Jahre Völkerschlachtdenkmal statt. Durch zahlreiche Veranstaltungen sollte das Völkerschlachtdenkmal zu einem Mahnmal der Leiden des Krieges und zu einem Symbol des europäischen Zusammenlebens werden.

Im folgenden Beitrag zeigen die EthnologInnen, wie bei dieser lebendigen Geschichtsdarstellung stattdessen der Geist des Militarismus aufs Neue zum Leben erweckt wurde.


Vom Krieg besessen: Was passiert, wenn Schlachten zu lebendiger Geschichte werden

Von Friedemann Ebelt und Theresa George

Im Oktober verbrachte ich mit der Ethnologin und Filmemacherin Theresa George anlässlich der Gedenkwoche zum 200. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig vier Tage in der Messestadt. Mit Kamera und Bleistift wollten wir herausfinden, worum es bei der Lebendigmachung von Geschichte im Kern geht. Aus ethnologischer Perspektive handelt es sich um eine Geisterbeschwörung.

1813 lassen in der Völkerschlacht bei Leipzig unzählige Soldaten ihre Leben und ihre Körper auf den Schlachtfeldern. Aus den toten Körpern steigt ein Kriegsgeist empor, der über 200 Jahre hinweg immer wieder lebendig gemacht wird. 100 Jahre nach der Völkerschlacht wird diesem Geist mit der Errichtung des Völkerschlachtdenkmals ein ewiger Körper aus Stein gemauert.

Der Geist von 1813 zieht in das Bauwerk ein. Seit dem haust er dort in der Gestalt der Vorstellung, dass die nationale Geschichte Deutschlands eine militärische Leistung sei. Für die Ahnen der 1813 getöteten Soldaten wird das Völkerschlachtdenkmal ein priviligierter Ort, an dem sie den Geist des Krieges und des Militarismus beschwören. 1913 führt dieser Geist wieder Menschen in Soldatenuniformen in den Ersten Weltkrieg. 1933 fährt der Geist des Militarismus in die Fackeln und Fahnen der Nationalsozialisten und nach dem Zweiten Weltkrieg beseelt er die Insignien der Nationalen Volksarmee.

Der brasilianische Ethnologe Eduardo Viveiros de Castro schreibt über religiösen Ahnenkult und die vielen Körper des Geistes: „Die Geistige Identität überschreitet die körperliche Schranke des Todes, die Lebenden und die Toten sind ähnlich, solange sie vom selben Geist beseelt sind – das »über-menschliche« Ahnentum und die geistige Besessenheit einerseits und (…) die körperliche Metamorphose andererseits“.

Zweihundert Jahre nach der Schlacht, also im Jahr 2013 wird der Versuch unternommen den Geist des Krieges mit einer Gedenkwoche zu befrieden. Durch zahlreiche Veranstaltungen soll das Völkerschlachtdenkmal zu einem Mahnmal der Leiden des Krieges und zu einem Symbol des europäischen Zusammenlebens werden.

In Podiumsgesprächen werden Vergangenheit und Zukunft Europas, der Wert des Friedens aber auch die Schrecken und Details der Schlacht von 1813 diskutiert. In Friedensgebeten und Gottesdiensten wird den Toten der Kriege gedacht. Ausstellungen zeigen Gemälde, Artefakte und Zeitdokumente. Im Inneren des Völkerschlachtdenkmals können Interessierte an Spezialführungen teilnehmen und außen wird Europa und der Frieden mit Sportveranstaltungen, Konzerten, Lichtshows und Feuerwerk gefeiert.

Doch der Geist des Militarismus lässt sich nicht vertreiben. Er wird während der Gedenkwoche aufs Neue zum Leben erweckt. Die eindrücklichste Verkörperung des Geistes ist die militärhistorische Nachstellung der Völkerschlacht bei Leipzig. Vier Tage lang werden Schlachtfelder ausgebreitet und Kanonen herbei gerollt. 6000 Menschen in historischen Uniformen verleihen dem Geist der Schlacht von 1813 einen neuen Körper. Die HobbyhistorikerInnen beschwören ihn mit ihren originalgetreuen Waffen, ihrem authentisch militärischem Verhalten und ihrem Interesse für die Geschichte Europas als Militärgeschichte.

Gesagt wird, dass es sich um ein legitimes historische Interesse handelt, wenn Geschichte zum Anfassen inszeniert wird - und das ist auch wahr. Aber wenn Hobbysoldaten und Publikum bei Gesprächen über militärische Tötungsakte und Schlachtstrategien eine gruselige Freude empfinden und wenn Kinder in ihrem Kriegsspiel die Kriegsbegeisterung ausleben, die die Disziplin der uniformierten Erwachsenen unterbindet – geht es nicht um Interesse an Geschichte, sondern es wird der Geist des Militarismus belebt.


Warum marschieren die todbringenden und gleichzeitig todgeweihten Körper in ihren Uniformen statt auf ein Schlachtfeld nicht auf einen symbolischen Friedhof um ihre Waffen, Abzeichen und Uniformen niederzulegen? Foto: Friedemann Ebelt und Theresa George

Der harmlose Krieg

Im Gegensatz zu 1913 stehen 2013 keine Soldaten am Völkerschlachtdenkmal, die auf einen kommenden Krieg eingeschworen werden. Stattdessen wird der Geist des Militarismus mit flachem Puls und vielleicht auch durch Unaufmerksamkeit zum Leben erweckt.

Es droht keine Kriegsbreitschaft, aber die Bajonette glänzen in der Sonne und die Soldaten lächeln mit faisten Wangen. Kein Blut, keine Schreie und kein Tod. Die Inszenierung der Hobbysoldaten kann als Geschichtvermittlung gelten, weil die Kostüme, die Waffen und das Verhalten authentisch erscheinen.

Plausibel ist dieses Schauspiel trotzdem nicht, denn die Geister der Verhungerten und Erkrankten, die Geister der Soldaten, deren Uniformen an ihrer Haut schimmelte und all die Geister von den verkrüppelten, traumatisierten und krepierten Menschen werden nicht verkörpert. Es geht auch nicht, dass in den Gassen der historischen Dörfer stinkende, schreiende und tote Körper liegen, denn dann würden keine Zuschauer kommen und die OrganisatorInnen der friedlichen Schaugefechte könnten sich nicht historisch überlegen zum kriegerischen Jahr 1813 fühlen.

Allen, die Spektakel einer lebendigen Geschichte organisieren ist bewusst, dass erlebbare Geschichte nur möglich ist, weil die historischen Zustände nicht erlebbar gemacht werden. Stattdessen basiert die Belebung von Geschichte auf einer romantischen Reinigung von Brutalität und Schönheit. Diese Reinigung ist notwendig, damit der Terror des Kriegs als Veranstaltungswoche genossen werden kann. Die Reinigung gelingt in Leipzig im Oktober 2013 aber nicht vollständig, weil sich der Terror aus Bajonetten und Kanonen nicht zurückzieht, nur weil das Kriegsgerät nicht zum tödlichen Einsatz gebracht wird.

Dass diese Reinigung eine abenteuerliche Gratwanderung ist, wird offensichtlich, als der Moderator ein Schaugefecht mit den Worten „Trotz des eigentlich traurigen Anlasses – Gute Unterhaltung!“ eröffnet. Nach dem Artilleriedonner ist das Spektakel zu Ende: „Wir danken den Kanonieren mit großem Applaus!“ In diesen Veranstaltungen erfährt das Publikum Details zu den Waffengattungen, zu den Kampftaktiken und zum Kampfgeschehen.

Als Teil des Publikums erfuhr ich auf wie viele Meter welche historische Waffengattung tödlich ist. Ein Mann mit seinem Sohn an der Hand schwärmt einem Freund mit glänzenden Augen vor: „Die haben sich Auge in Auge gegenübergestellt und sich abgeschlachtet.“ Vor einem Zelt im Biwak: Ein Hobbysoldat in der Uniform der preußischen Landwehr von 1813 salutiert mit seiner Mütze und ruft den vorbeigehenden Soldaten entgegen: „Euch Tod und ewige Verdammnis!“. Noch vor wenigen Stunden sagte dieser Mann, dass hier alle Freunde seien und man sich prächtig verstehe.

Ermöglicht es eine historische Rolle, einem Freund Tod und ewige Verdammnis zu wünschen? In solchen Momenten wird der Geist des Militarismus lebendig und weil die nachgestellten Gefechte scheinbar einem aufklärerischen historischen Interesse dienen, wird es möglich den Militarismus zu genießen.

In der Mittagspause marschieren fünf Hobbyhistoriker in Uniform in einen Asia-Imbiss ein. Beim Anstoßen mit deutschem Bier, denn das asiatische macht Schlitzaugen, wird ausgerufen:„Gott schütze Preußen!“ Erlebbare Geschichte und erlebbare Gegenwart verschmelzen unter den Kostümen, die dann keine mehr sind. Die Soldatenrolle wird in der Mittagspause nicht verlassen - weil sie nicht nur eine gespielte Rolle ist.

De Castro schreibt: „Eine Kleidung-Maske zu tragen, bedeutet weniger eine, menschliche Essenz (…) zu verbergen, als Mächte eines anderen Körpers zu aktivieren“. Diesem Gedanken weiter folgend sind die historischen Uniformen „keine Verkleidungen, sondern Instrumente: Sie ähneln den Taucherausrüstungen (…) nicht den Fasnachtsmasken. Wer einen Taucheranzug anzieht, beabsichtigt, wie ein Fisch funktionieren zu können, und nicht, sich unter einer eigenartigen Form zu verstecken“.

Beim Waffenputzen, Singen oder Kanonenabfeuern entstehen Momente in denen die vernünftige Gefasstheit der lebendigen Geschichte verlorengeht. Ein scheinbar sachlich-historisches Interesse weicht der Faszination der Macht durch Waffengewalt.

Während unseres Besuchs der Gedenkwoche fragen wir uns, wie es sich für die Hobbysoldaten anfühlt, wenn sie sich während eines Angriffs in der historischen Gefechtsdarstellung totspielend zu Boden fallen lassen. Und: Wie fühlt es sich auf der anderen Seite an, das originalgetreue Gewehr zu laden, auf die historischen Feinde zu richten und abzufeuern um dann zu sehen, dass jemand zu Boden fällt?

Mit dem Buch Im Rausch des Rituals , das die Ethnologen Klaus-Peter Köpping und Ursula Rao 2000 herausgegeben haben, sind die Szenen der Gefechte als kollektive kulturelle Performanzen zu verstehen, in denen Werte ausgedrückt, bestätigt und in Körper eingeschrieben werden.

Kinder und die Freude am Kriegspielen

Nachdem wir dem Geist des Militarismus auf die Spur gekommen waren, fragten wir uns, ab wann seine Erweckung problematisch wird. Beim Blättern in unseren Notizheften und beim Anschauen von Fotos wurde uns klar, dass der Geist des Militarismus nicht nur Erwachsene ergreift, sondern auch in Kindern lebendig wird.

Eltern tragen ihre Kinder auf dem Arm an die Pferde der Soldaten heran, damit die Kleinen die Tiere streicheln können. Im Hintergrund reiten Kavalleristen vorbei und Kinder galoppierten mit Steckenpferden hinter den berittenen Soldaten her.


Wieso stört es die Erwachsenen nicht, wenn ihre Kinder zu Soldaten werden? Foto: Friedemann Ebelt und Theresa George

Eine andere Szene: Sechs Hobbysoldaten proben Wachablösung in einem historischen Dorf. Ein Kind betrachtet die Szene und schießt mit seinem Stockgewehr auf die Soldaten und in das Publikum. Wenn ein kleiner Junge vor Soldaten, die eine Wachablösung proben, Krieg empfindet und mit seinem Körper das Abfeuern eines Gewehres spielt und dabei auf Menschen zielt, ohne, dass irgendjemand etwas sagt, dann verkörpert dieser Junge die Freude, die die Hobbysoldaten empfinden, wenn sie auf ihrem Schlachtfeld stehen.

Anders gesagt, haucht in dieser Szene ein Hobbyoffizier als Ritualmeister beim Üben einer militärischen Wachablösung seinen Hobbysoldaten den Geist des Krieges ein, der auch in das zuschauende und mitmachende Kind fährt. Der Unterschied ist, dass das Kind im Gegensatz zu den Wachen diesen Geist nicht diszipliniert, geheimhält, oder versteckt.

Am Abend marschiert dann ein Trupp von vielleicht 20 Soldaten im Gleichschritt durch den Biwak ihrer historischen Gegner. Einhundert Meter weiter spielen ein paar Kinder mit Stöcken und Steinen Infanterieangriff vor den Biwaks der großen Hobbysoldaten. Ein kleiner Junge sitzt auf den Schultern seines Vaters und senkt am ausgestreckten Arm einen Stock wie ein Kavallerist seinen Säbel zum Angriff.

Die Begeisterung mit der die Kinder spielen, sich gegenseitig zu verletzten und zu töten, löste bei uns Beklommenheit aus. Wieso stört es die Erwachsenen nicht, wenn ihre Kinder zu Soldaten werden?

Scheinbar friedlich erleben die Großen und Kleinen die Idee des gerechten und edlen Kampfes und tauchen in ein harmloses, aber befriedigendes, womöglich sogar therapeutisches Kriegsspiel ein.

Der Geist, der zum 200. Jubiläum der Völkerschlacht geweckt wurde, lebt von der Lust, ab 15 Euro Eintritt den Nervenkitzel von Krieg kosten zu dürfen - ohne ihn tatsächlich erleben zu müssen. Das Rollenspiel der Erwachsenen ist aber ein verkapptes Spiel, weil sie die Emotionen, die die Vorstellung im Kampf zu sein, bei ihnen auslösen, hinter einem vorgeschobenem historischen Interesse verbergen. Die Gefahr dabei ist, dass sowohl Erwachsene als auch Kinder mit einem positiven Kriegstrauma die Gedenkwoche verlassen.

Gleichzeitig sind es Kinder, die den Geist des Militarismus auf Gefühlsebene entlarven. Sie weinen und schreien, wenn Kanonendonner in der Dunkelheit die Luft zum Zittern bringt. Sie spüren das Grauen dieser Kriegsspiele und davon berührt fragten wir uns, warum lebendige Geschichte eigentlich militant sein muss? Warum marschieren die todbringenden und gleichzeitig todgeweihten Körper in ihren Uniformen statt auf ein Schlachtfeld nicht auf einen symbolischen Friedhof um ihre Waffen, Abzeichen und Uniformen niederzulegen?

Das Erinnern an Krieg ist möglich, ohne den Geist des Militarismus wiederzubeleben, wenn lebendige Geschichte Zivilisten statt Soldaten hervorbringt. Wenn Frieden die Botschaft der Gedenkwoche sein soll, dann muss ein lebendiges Bewusstsein für Frieden und Achtung vor Körpern zum Leben erweckt werden. Statt dessen werden aber die Apparate, Geisteshaltungen und Verhaltensweisen, die erdacht wurden sind, um möglichst viele Körper in möglichst kurzer Zeit im Namen des Geistes einer Nation, eines Königs oder eines Volkes zu töten, zur Schau gestellt und verehrt.

Solange es lebendiger Geschichtsdarstellung darum geht, welche Seite mit welchen Waffen und cleveren Taktiken welchen Sieg errang und welche Wichtigkeit das für den Fortgang der Geschichte hat, wird der Geist des Militarismus zum Leben erweckt.

Friedemann Ebelt ist Ethnologe, Filmemacher und Medienwissenschaftler. Er lebt in Halle an der Saale. Die Ethnologin, Journalistin und Filmemacherin Theresa George lebt in Hamburg.

SIEHE AUCH:

Die Schlacht im Teutoburgerwald und die Relevanz von antiker Ethnologie

  16:22:00, by admin  

Schluss mit der Funkstille

Ein Jahr lang keine neue Beiträge auf diesem Blog. Wer ab und zu auf dem englisch sprachigen Blog auf antropologi.info vorbeischaut, weiss, was mir ergangen ist. Ein neues Leben als verheirateter Mann habe ich angefangen! In Kairo, sechs Flugstunden von meiner anderen Heimat Oslo. Ursprünglich wollte ich nur einen Sommer in der ägyptischen Hauptstadt bleiben, nun habe ich hier geheiratet und ich, eigentlich ein Nomade, bin hier anscheinend sesshaft geworden.

Antropologi.info möchte ich nicht eingehen lassen, obwohl ich gelernt habe, dass in meinem neuen Leben noch weniger Überschuss für solche Aktivitäten vorhanden ist - nicht zuletzt aus finanziellen Gründen.

Mich freut es daher, dass trotz der Funkstille noch Mails an mich geschrieben werden und neue Anmeldungen an den Newsletter (bislang nur auf norwegisch) eingehen. Ein Email mit einem schönen Text, der mich vor wenigen Tage erreichte, möchte ich Anlass nehmen, Schluss mit der Funstille zu machen. Viel Spass beim Lesen etwas später heute abend!

Categories: Internes

21.10.12

  13:44:00, by admin  

Die gefährlichen (Mainstream-) Medien

Eine der wichtigsten Blogs ist Teilnehmende Medienbeobachtung. Regelmässig zeigen die Autorinnen und Autoren von der Uni Wien auf, wie Medien Vorurteile in der Bevölkerung verbreiten. Damit nicht genug. Viele ihrer Blogbeiträge sind zuvor bereits als Leserbrief in der jeweiligen Redaktion gelandet.

Persönlich bin ich mehr und mehr zur Überzeugung gekommen, dass Mainstreammedien eine der grössten Bedrohungen für Demokratie und friedliches Zusammenleben auf diesem Planeten darstellen. Einen grossen Eindruck hinterliessen bei mir die Forschungen von Sharam Alghasi und Elisabeth Eide.

Ein neueres Beispiel sind die Berichte über “muslim rage”, also über die Proteste gegen den Anti-Islam Film eines Rechtsextremisten.

Es war überall nur eine bedeutungslose Minderheit - in der 20 Millionenstadt Kairo keine 200 Leute, die Steine wurfen. Und denen ging es nicht nur um Religion.

Laut den Mainstream-Medien war jedoch die gesamte “islamische Welt” im Aufruhr. Die Mainstreammedien taten ihr Bestes, die gesamte Religion Islam mit allen Gläubigen als gewalttätige Extremisten zu verurteilen.

Über den Rechtsextremismus des Filmemachers redete dagegen kaum jemand.

Und die friedlichen Proteste, an denen viel mehr Leute teilnahmen (auch Christen) bekamen kaum Aufmerksamkeit. Für die Proteste mehrerer christlicher Bewegungen in Kairo gegen den Film interessierte sich auch kaum jemand. Dies obwohl die Proteste der Christen, so Bloggerin Zeinobia auf Egyptian Chronicles, viel wichtiger gewesen seien als alle die anderen. Die ägyptische orthodoxe Kirche in Alexandria, so Zeinobia weiter, war einer der ersten Institutionen, die den Film verurteilten.

Sind nicht die Journalisten, die solche Feindbilder über Muslime und diese Region verbreiten, schlimmer als die Steinewerfer, frage ich mich.

Denn, so schreibt Ingrid Thurner in ihrem Beitrag Unsere Mitschuld an den Krawallen:

Hierzulande ist es keine Minderheit, die zündelt, sondern mächtige Medien, die Hunderttausende erreichen, und täglich wird noch ein wenig zugelegt. Was bedeutet es für den sozialen Frieden im Lande, wenn die muslimische Bevölkerung regelmäßig in den Zeitungen liest, wie gewalttätig ihre Religion sei? Was bedeutet es für Gläubige, wenn das Recht eingefordert wird, sie und ihre Religion im Namen der Meinungsfreiheit beleidigen zu dürfen?

Zum Glück sind Islamverbände sensibler als manche Kommentare. Sie distanzierten sich und verurteilten die Gewaltakte, ebenso wie viele Politiker der Länder, in denen sie geschahen.

Bei den Protesten gegen Mohamed-Karikaturen, die ein französisches Blatt veröffentlichte, tauchten in Kairo nur 20 Leute auf, schreibt taz-Korrespondent Karim El-Gawhary in einem seiner stets wohltuend anders geschriebenen Texte. Die Einwohner Kairos verbrachten den Freitag lieber im Zoo:

Gleich neben der französischen Botschaft in Kairo befindet sich der gut besuchte Zoo. Gut hundert Schaulustige haben sich am Zaun versammelt, um die 20 Demonstranten zu beobachten. Einer der Schaulustigen meint: „Ich weiß nicht, was exotischer ist, die Tiere im Gehege oder die Demonstranten und die Kameramänner vor der Botschaft.“ Zumindest im Moment hat er beschlossen, den Tieren den Rücken zu kehren.

In einem früheren Beitrag auf Teilnehmende Medienbeobachtung thematisiert Ingrid Thurner eine andere Verallgemeinung: In “Neigen Österreicher eher zu Gewalt?” schreibt sie:

Sehr geehrter Herr Baltaci, sehr geehrte Redaktion,

ein einzelner Türke verübt eine Gräueltat, und die Presse fragt am 26. 5. 2012 “Neigen Türken eher zu Gewalt?”

Kann man von einem einzelnen Mann, der ausrastet, gleich Rückschlüsse ziehen auf alle Personen mit gleicher Nationalität, in diesem Falle gegen 75 Millionen Menschen? (…) Wieso kommt in Fällen, in denen österreichische Männer gewalttätig werden – und davon gab es in den letzten Jahren genug –, niemand auf die Idee zu fragen: „Neigen Österreicher eher zu Gewalt?“

Von Ingrid Thurner ist im vergangenen Jahr ein Text zum Thema Hassposten in Online-Foren. Diskursmuster und Diskursstrategien bei Islamthemen erschienen (leider nicht online). Zum Thema sind von ihr u.a. die Zeitungsbeiträge Alles ist erlaubt? Über das Hass-Posten (Die Presse, 25.11.2010) und Echtnamen schützen vor Bosheit nicht. Ein Plädoyer für die Beibehaltung der Anonymität in Internetforen (Der Standard, 23.8.2011) erschienen.

Für mehr Medienkritik siehe den Blog anders deutsch von Urmila Goel.

SIEHE AUCH:

Die Mythen über angebliche religiöse Gewalt in Kairo

Ethnologen: WM-Berichte verbreiten Vorurteile über Afrika

"Gewalt gehört zu Indien wie ein gut gewürztes Currygericht" - Ethnologe kritisiert SZ

Die "negroiden Lippen Obamas" - Ethnologe reagiert auf Rassismus in der Abendzeitung

In Norwegian TV: Indian tribe paid to go naked to appear more primitive

Why anthropologists should study news media

  10:51:00, by admin  

So hat Globalisierung unseren Mittagstisch verändert


Globalisierung: Was wäre Italien ohne Tomaten? Foto: Darwin Bell, flickr

Zerstört die Globalisierung unsere lokale Küche? Immer wieder kommt diese Frage auf. In einem Interview mit Spiegel Online erinnert Ethnologe Marin Trenk daran, dass die Globalisierung unserer Küche bereits vor mindestens 500 Jahren begonnen hat:

Kolumbus löste 1492 die erste von drei kulinarischen Globalisierungswellen aus, den zweiten Schub sehe ich in den kolonialen Begegnungen. Wir leben in der letzten Welle, die sehr intensiv und beschleunigt verläuft. Aber die Veränderung, die Kolumbus auslöste, war kulinarisch die größte Zäsur in der Weltgeschichte.

Die Anbaufrüchte der neuen Welt veränderten die regionalen Küchen der alten Welt vollständig: Was wäre Südostasien ohne Chili? Italien ohne Tomate, Ungarn ohne Paprika? Nach 1492 sah keine Küche der Welt mehr so aus wie davor. Nach Kolumbus haben sich etwa Kartoffel, Chili, Tomate oder Mais sehr erfolgreich durchgesetzt. Bemerkenswert ist aber, dass keine kompletten Gerichte gereist sind, sondern nur Rohprodukte.

Marin Trenk spricht auch von gegenwärtigen Trends in Deutschland. Japanisch ist in, ausserdem Fleisch “das nicht wie Fleisch schmeckt und auch nicht wie Fleisch aussieht".

Der Forscher von der Uni Frankfurt arbeitet übrigens derzeit an einem Buch zur “Kulinarischen Ethnografie Thailands”.

>> zum Interview im Spiegel

Er hat früher auch über das Verhältnis nordamerikanischer Indianer zum Alkohol geforscht. In einem Paper (pdf) erklärt er, dass Betrunkensein als eine Art ist, mit der Welt der Geister zu kommunizieren.

SIEHE AUCH:

Ernährung Identität Migration - Eine lange Diskussion im antropologi.info-Forum

Esskultur als Protest: Ethmundo über Ökodörfer und Müllwühler

Anthropologists find out why we (don’t) buy organic food

What anthropologists can do about the decline in world food supply

10.10.12

  16:46:00, by admin  

Wenn Kinder als Hexen verfolgt werden: Was meint die Ethnologie?

Immer wieder macht das Thema “Hexenkinder” Schlagzeilen in den Medien. Doch was haben Ethnologen und Ethnologinnen dazu zu sagen? Bisher recht wenig. Ethnologe Felix Riedel hat sich eines der wenigen Bücher zu diesem Thema angeschaut und stellt es hier auf antropologi.info vor: The Devil’s Children. From Spirit Possession to Witchcraft: New Allegations that affect Children von Jean La Fontaine.


Rezension

LaFontaine (Hg.) 2009: The Devil’s Children. From Spirit Possession to Witchcraft: New Allegations that affect Children. Farnham, Surrey: Ashgate Publishing Limited.

Von Felix Riedel, MA Ethnologie

Die Viktimisierung von Kindern durch Hexereianklagen hat in den letzten Jahren starkes Interesse der Öffentlichkeit erfahren. Ein Auslöser dafür war die britische Dokumentation des Senders Channel 4 mit dem Titel Saving Africa’s witch-children. Das Porträt eines nigerianischen Asyls für Kinder, die von ihren Eltern, Stiefeltern, Verwandten, Priestern oder Nachbarn der Hexerei beschuldigt und misshandelt wurden, stieß eine gesellschaftliche Debatte in Nigeria an. Die vergleichbare Situation in der Demokratischen Republik Kongo wurde in ähnlichen Dokumentarfilmen belegt.

In Diskrepanz zum journalistischen Interesse steht das Schweigen der Ethnologie. Lediglich Robert Brain (1970), Peter Geschiere (1980) und Filip DeBoeck (2003; 2004; 2005) haben bislang fundierte Daten gesammelt und diskutiert, zwei neuere Studien aus Ghana erschienen nach 2009. Eine Reihe von Arbeiten aus dem Umfeld humanitärer Organisationen rezitiert im Wesentlichen die journalistischen Quellen.

Der von Jean LaFontaine herausgelegte Sammelband betritt daher ein weitgehend brach liegendes Feld.

Die Publikation richtet sich in der Konsequenz nicht primär an ein wissenschaftliches Fachpublikum, sondern an soziale Arbeit, therapeutisches Personal, Polizisten und Kirchen. Zwei Drittel der Texte im Sammelband leisten ausschließlich Vorarbeit zu einem Verständnis von Geistbesessenheit in unterschiedlichen kulturellen Bezügen.

Eine hervorragende Zusammenfassung der psychiatrischen Problematik liefert Roland Littlewood. Seine Gegenüberstellung von Geistbesessenheit und suizidaler Überdosierung von Medikamenten eröffnet einen praktikablen Weg, das Verhältnis von agency und Symptom bei weiblichen Besessenheitskulten in aller gebotenen Unschärfe neu zu bestimmen:

„The distinction may be difficult to draw. As with overdoses, when do ‚symptoms’ become ‚strategies’?“ (33)

Littlewood fordert eine erhöhte Sensibilität der Therapeuten für kulturelle Belange sowie die partielle Integration von kulturspezifischen Laien-Therapeuten ein. Die psychiatrische Therapie will er durch diese Offenheit im Interesse des Patienten stärken und beibehalten.

buch cover

Sherrill Mulhern evaluiert in einem weiteren exzellenten Text für den europäischen Kontext alternierende Schwankungen in den Körper-Geist-Konzeptionen.

Ausgangspunkt ist der Wandel von der hochmittelalterlichen Lehrmeinung über Hexereigeständnisse und Somnambulismus zu den fundamental differenten Anschauungen des 14ten Jahrhunderts. (38ff) Erst diese interpretierten halluzinierte Geständnisse als empirisches Zeugnis einer nächtlichen Reise und Teufelsbuhlschaft.

Diesen Wandel parallelisiert sie mit dem aktuellen charismatisch-christlichen Postulat, Geständnisse und Visionen seien empirische Manifestationen göttlicher Wahrheiten und ermöglichten spirituelle Ätiologien. Während die Exzesse der katholischen Kirche letztlich die Entwicklung von alternativen psychologischen Konzepten provoziert hätten, würde die charismatische Bewegung die Therapie aus der säkularen Psychotherapie in die Dämonologie der deliverance zurück überführen. (46)

In einer bisweilen zu glatten, rasanten Erzählung problematisiert sie die Wiederkehr des Geständnisproblems in der Psychotherapie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Unter dem Druck feministischer Positionen sei die analytische Annahme einer subjektiven, psychologischen Wahrheit für Inzestfälle in den Verdacht der Vertuschung von realen Verbrechen geraten.

Die bis heute andauernde Strömung fordert gegen das rechtsstaatliche Prinzip der Nachweisbarkeit und in Verleugnung der Möglichkeit der Konfabulation eine prüfungslose Anerkennung jeglicher Opfererzählungen. Als Resultat der Diskursschwankungen seien erstaunlich weit verbreitete Phantasien über satanistische Rituale bis hin zum Kannibalismus als glaubhafte kindliche Erinnerungen von Patienten und Therapeuten verteidigt worden. (54) Mulherns historische Analyse verweist in einer neuen Dringlichkeit auf die Komplexität und Reichweite des Problems der Nichtidentität von Geist und Körper.

Die Integration von emischen Perspektiven versucht der Band im dritten Teil. Christina Harringtons Beitrag idealisiert in einem kurzen Beitrag ihre Wicca-Initiation. Mercy Magbagbeolas Beschreibung ihrer christlichen Hexereivorstellungen sind als illustrative ethnographische Quelle wertvoll, werden in dieser Form aber unnötig aufgewertet.

Erst das letzte Drittel des Buches widmet sich explizit Kindern als Opfer von Hexereianklagen.

LaFontaine fasst die wenigen bestehenden ethnographischen Texte zusammen und leistet so die Vorarbeit zum einzigen ethnographischen Beitrag von Filip DeBoeck. Dieser liefert eine geringfügig aktualisierte Durchführung seiner älteren Texte, in denen er konzise die Verhältnisse in der DRC beschreibt und diskutiert.

Leider besteht er immer noch auf einer euphemistischen Definition der Heilung: Der mitunter wochenlange Exorzismus von Kindern in den Kirchen biete als therapeutic ‚healing’ space eine „alternative Lösung des Problems“ an. (131)

DeBoeck entgleitet hier die Sensibilität für die komplexere infantile Psychodynamik, schlüssig wird der therapeutische Aspekt nicht. Das Trauma des Exorzismus wird nicht weiter erörtert, die Reintegration ins verfolgende Kollektiv wird mit Heilung gleichgesetzt. Auch wiederholt er die populäre Hypothese, Hexereianklagen könnten als a posteriori birth control gelten: Kinder würden primär aus ökonomischen Gründen verstoßen.

Materialistische Ansätze dieser Art erklären nicht, warum die okkulte Rechtfertigung der ökonomischen vorgezogen wird.

Stichhaltiger ist seine Beobachtung über Neuformierungen der Kernfamilie gegen die erweiterte Verwandtschaft mit ihren Ansprüchen. Aber auch hier fehlt die Vermittlung durch die individuelle Psychodynamik und die Ideologieform, in der diese Abgrenzung als okkultes Ressentiment gewählt und ausformuliert wird.

In einer für das Forschungsfeld üblichen Umkehr werden die Verfolger von Kindern zu Opfern einer spirituellen Unsicherheit, einer Krise der Verwandtschaft. Die Krise der kindlichen Opfer von Hexereianklagen tritt dann nur noch als sekundärer Effekt einer anderen Krise in Erscheinung.

Das letzte Kapitel wird im Wesentlichen von Eleanor Stobart gerettet durch eine empirische Studie über Fälle von Kindesmisshandlung mit assoziierten Hexereianklagen in Großbritannien.

Die breite Zielgruppe des Bandes resultiert in einem Relativismus, der Kritik unterbindet. So behauptet Eileen Barker in der Einleitung:

„The social sciences have to recognise their limitations, however. They have no expertise, technologies or skills that allow them to judge theological or ethical claims.” (3)

Dieser Widerruf wissenschaftlicher Erkenntnis richtet sich gegen philosophische Betätigung als Vermittlung zwischen dem aktuellen Stand der Aufklärung und dem dahinter zurückfallenden gesellschaftlichen Bewusstein. Der den Sozialwissenschaften aufoktroyierte „wissenschaftliche Agnostizismus“ (3) tendiert dazu, analytische Kritik und interdisziplinäres Denken stillzulegen.

So richtig die Kritik am „nothing but“ der psychologistischen oder materialistischen Ansätze ist, so reduktionistisch ist die Aufgabe des Versuches der dialektischen Darstellung zugunsten einer urteilsfreien Beschreibung, die weder naturwissenschaftlichen noch philosophischen Ansprüchen gerecht wird.

Der Eindruck der Beliebigkeit wird komplett, wenn Barker wenig später das Urteil über spezifische Vorurteile doch wieder einführt: Als berechtigten Verweis auf „ignorance“ und „misinformation“ der westlichen Gesellschaften gegenüber den Vorstellungen der Minoritäten (4).

Die dialektische Spannung zwischen Materialismus und Psychologismus, Gesellschaft und Individuum kann der Band nicht aushalten. Er beinhaltet einige Aufsätze von hervorragender Qualität und leistet auch Pionierarbeit für die Praxis mit viktimisierten Kindern. So erfreulich dieser seltene praxisbezogene Ansatz ist, die Desiderate des Feldes „Kinder und Hexenjagden“ können die Beiträge leider nur partiell schließen.

Felix Riedel, MA Ethnologie
Marburg, Deutschland
Kontakt: Felix.Riedel.Uni (AT) googlemail.com


MEHR INFORMATIONEN:

Information vom Verlag

Einführungskapitel des Buches (pdf)

Felix Riedel: Hexenjagden in Nordghana (Teil seines Projektes “Hilfe für Hexenjagdflüchtlinge Ein Verein zur Unterstützung der Asyle für Hexenjagdflüchtlinge in Ghana”)

Jean La Fontaine: Witchcraft belief is a curse on Africa (Guardian 1.3.12)

Eleanor Stobart: Race bias claim over witchcraft “The government’s response to child abuse linked to witchcraft would have been different if it involved mainly white children” (BBC, 4.8.2006)

Die Kinderhexen von Kinshasa. Zum Wandel von Hexereivorstellungen in der Demokratischen Republik Kongo Magisterarbeit in Ethnologie von Katharina Puvogel an der Uni Münster (pdf)

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