
Der Münchner Stadtteil Neuperlach. Bild: Altweibersommer, flickr
Viertel mit vielen Ausländern haben nicht immer den besten Ruf. Ghetto und Gewalt - so zeigen die Medien auch den Münchner Stadtteil Neuperlach. Die Sueddeutsche interviewt Veronika Knauer, die ihre Magisterarbeit in Ethnologie über Neuperlach geschrieben hat.
Knauer, die selber in Neuperlach aufgewachsen ist, aber nicht mehr da lebt, ging folgenden Fragen nach: Wie nehmen die Neuperlacher ihr Viertel wahr? Welche Rolle spielt für sie Herkunft? Wie erleben sie das Zusammenleben mit Menschen unterschiedlicher kultureller Hintergründe?
Ihre Studie zeigt wie das Denken in kulturellen Kategorien ein Produkt der Erziehung ist. Für Kinder gibt es die Kategorie “Ausländer” nicht, erzählt sie:
Ich habe eine vierte Klasse beim Unterricht beobachtet und sie kurze Aufsätze schreiben lassen zum Thema “Mein bester Freund oder meine beste Freundin“. Das Ergebnis war überraschend: Die Kinder denken überhaupt noch nicht in den Kategorien “Ausländer – Deutsche“ oder “Wir – Die“, wie die Älteren.
Diese Kategorien werden durch die Schule, die Eltern und die Medien erst erzeugt. Gerade durch den Lehrplan werden solche Denkweisen sehr stark vermittelt: Hier wird oft von “den deutschen Kindern“ und “den ausländischen Kinder“ geredet, wenn auch meist im Zusammenhang mit Integration. Da heißt es dann “Wir müssen die ausländischen Kinder integrieren“ oder es werden Themen diskutiert wie “Welche Kultur haben ‘Die’, welche Kultur haben ‘Wir’?“.
Die erwachsenen Bewohner lehnen das durch die Medien vermittelte Bild Neuperlachs als sozialer Brennpunkt ab. Sie sind der Meinung, dass es mit Ausländern keine Probleme gibt. Die Kategorien “Wir – die Anderen", so Knauer weiter, sind in den Köpfen der Menschen fest verankert.
Veronika Knauer ist eine der Autorinnen des Sammelbandes “München migrantisch – migrantisches München. Ethnographische Erkundungen in globalisierten Lebenswelten”, der heute abend in München vorgestellt wurde. Ihr Aufsatz heisst „Learning Ethnicity – Oder: Wie nehmen die Bewohner Neuperlachs ihre multikulturelle Wohnsituation wahr?“ Der Band wird herausgegeben von Sabine Hess und Maria Schwertl.
>> zum Interview in der Sueddeutschen
Sabine Hess leitete die Ausstellung Crossing Munich über Migration in München.
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Sie sind überzeugte Hamburger oder Berliner, doch sehen sich nicht als Deutsche. Das zeigt die Studie “At Home in Europa - Muslims in Europa” des Londoner Open Society Institute. In elf europäischen Städten untersuchten Forscher die Identifikation muslimischer EinwohnerInnen mit der Mehrheitsgesellschaft.
Rund 70% der Muslime in Berlin und Hamburg sind Lokalpatrioten und identifizieren sich mit ihrer Stadt. Doch nur 25 Prozent der Befragten betrachten sich als Deutsche. Und nur 11 Prozent sind der Meinung, auch von anderen als Deutsche angesehen zu werden.
Beim nationalen Zugehörigkeitsgefühl der Muslime erzielte Deutschland den niedrigsten Wert, England den höchsten. Selbst unter in Deutschland geborenen Muslimen in Berlin fühlen sich nur 35% als Deutsche. Dagegen sehen sich 94 Prozent der in England geborenen Muslime in Leicester als Engländer.
Die Integration in Deutschland funktioniere lokal vor Ort, nicht jedoch auf nationaler Ebene, kommentiert Ethnologe Werner Schiffauer, der auch an der Studie teilnahm. Der nationale Diskurs grenze aus, der lokale schliesse ein, so Schiffauer in der taz:
“Während der nationale Diskurs abstrakte Fragen wie Werte und Voraussetzungen von Zugehörigkeit in den Fokus stellt, geht es lokal um pragmatische Fragen von Partizipation und praktischem Zusammenleben.”
Die Studie, so Schiffauer in der Berliner Umschau widerlege den weitverbreiteten Eindruck, Muslime wollten sich „ausgrenzen“. Der Grossteil der Befragten würde gerne in ethnisch und kulturell gemischten Wohngegenden leben. Die Vermutung, dass vor allem Araber und Türken nicht integriert werden wollen, sei falsch.
Einen wesentlichen Grund für die schlechte nationale Integration sehen die Forscher im exklusiven, deutschen Staatsbürgerrecht, schreibt der Tagesspiegel. Etwa die Hälfte der Muslime in Berlin könne keinen Einfluss auf die Politik nehmen oder ihre Stadtteile mitgestalten,
Diskriminierung sei eine bedeutende Barriere für die Integration, können wir in der Studie nachlesen, die gratis im Netz zum Herunterladen zur Verfügung gestellt wurde. Die Forscher empfehlen unter anderem, Hasskriminalität und rasistisch motivierte Taten genau zu registrieren.
Besonders in Deutschland, wo noch das Blut-und-Boden-Prinzip vorherrscht, sind Reformen des Staatsbürgerrrechtes notwendig. Es solle einfacher werden, die Nationalität seines Wohnlandes anzunehmen. “Being German means ethnicity, that’s why I can’t be German, but I can be a German citizen”, so ein Informant. Auch “Ausländern” sollte das Wahlrecht garantiert werden, so die Forscher der Studie.
>> Download der Studie und diverser Zusammenfassungen (!)
Es wäre schön, wenn alle Forschungsergebisse so leser- und medienfreundlich aufgearbeitet und nicht - wie sonst üblich - in oft schwer zugänglichen Papirbüchern versteckt würden.
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Berner Ethnologen haben in fünf Schweizer Städten den Alltag Suchtkranker studiert, meldet Pressetext Schweiz. Sie fanden heraus, dass Informationsstand über diese Menschen gering ist und von Vorurteilen geprägt ist.
“Oftmals hören diese Menschen den Zuruf, sie sollten doch eine Arbeit suchen. Die meisten glauben, sie seien arbeitsunwillig, faul und jung", sagt Ethnologin Corina Salis Gross, die die Studie leitete.
Kaum im Bewusstsein sei allerdings die Tatsache, dass kaum jemand freiwillig auf der Straße lebt:
“Nur sehr wenige wie etwa manche Punks wählen diese Lebensform bewusst, zufrieden ist damit niemand. In der Regel rutscht man hinein durch eine Verkettung biografischer Umstände", so die Ethnologin. Jeder dritte wurde bereits sexuell missbraucht, bei Frauen waren es sogar zwei von drei. Ebenso viele gaben an, wegen Krankheit oder Gewalt bereits einmal “fast gestorben” zu sein. Allgegenwärtig sind psychische und physische Leiden wie Gelenk- und Knochenschmerz, Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit bis hin zu Suizidversuchen.
Die Situation der “Randständigen” hat sich laut der Studie in den letzten Jahren verschärft, schreibt die Basler Zeitung. Die verstärkte Imagepflege der Städte und der Ökonomisierung des öffentlichen Raums verdränge die Suchtkranken.
Die fünf untersuchten Städte gehen verschieden mit den Randgruppen um:
Bern etwa hege mit Repression und dem Anbieten von Alternativen ihr Bild als saubere Stadt, in der Sicherheit und Ordnung herrschten, so die Autoren. Chur ignoriere die Randständigen und überlasse sie sich selbst und Zürich halte mit einem liberalen Ansatz die Szenen auf eine stadtverträgliche Weise unter Kontrolle.
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Hungerlöhne an den Unis: Ethnologe fühlt sich ausgebeutet, meldeten die Medien vor drei Jahren. Viel hat sich offenbar seitdem nicht geändert. Um Lohndumping an Hochschulen abzuschaffen, sollte ein Wissenschaftstarifvertrag geschlossen werden, fordert nun Ethnologe Magnus Treiber, der einen Streik von freien Mitarbeitern an der Uni München mitorganisierte, in einem Interview mit dem Deutschlandradio.
Es sei wichtig, über die Situation der Lehrbeauftragten zu reden, betont Treiber:
Der Lehrauftrag ist ein Strohhalm, der es einem erlaubt, die Anbindung an eine Universität zu zeigen, der einem Zugang zu anderen Wissenschaftlern erlaubt. Währenddessen bewirbt man sich, publiziert man, schreibt Forschungsanträge und so fort, und das wird nie als eine Zeit wahrgenommen, in der man stecken bleiben darf und stehen bleiben sollte. Nichtsdestotrotz geht ja nicht jede Bewerbung auf, und man ist oft länger in dieser Schleife, als man das vorher plant.
Und deshalb ist es einfach auch wichtig, diese Phase zu thematisieren und den Menschen auch klarzumachen, es geht anderen ähnlich wie euch, und das ist eine Phase, in der wir trotzdem gute Arbeit leisten und gute Arbeitsbedingungen und ein gutes Entgelt einfordern dürfen.
>> zum Interview im Deutschlandradio
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Milliarden fliessen zu Banken mit Scharia-Garantie titeln mehrere Schweizer Zeitungen heute und verweisen auf die Forschung des Ethnologen Stefan Leins von der Uni Zürich.
Der hat nämlich auf der Webseite der Uni einen Artikel mit dem medienfreundlichen Titel Muhammad als formidabler Risikomanager verfasst. Da erklärt der Ethnologe den Boom des Islamic Banking.
Banken, die nach islamischen Prinzipien wirtschaften, haben von der Finanzkrise und der Diffamierung des Islams nach 9/11 profitiert. Zum einen weil diese Prinzipien die Banken krisenfester machten (u.a. Handel mit Schuldpapieren ist verboten), zum andern weil man durch islamische Investitionen “die Zugehörigkeit zum Islam auf moderne Art und Weise” demonstrieren kann.
In Europa gibt es immer mehr der Banken, die nach islamischen Prinzipien wirtschaften, besonders in Grossbritannien. In der Schweiz agiert die Faisal Private Bank seit dem Jahr 2006 als einziges Finanzinstitut vollständig nach den Regeln der Scharia. Daneben verfügen auch die UBS, die Credit Suisse und die Privatbank Sarasin über “islamkonforme Angebote für ihre Kunden", so der Ethnologe.
Leins hat seine Lizarbeit über Islamic Banking geschrieben. Für seine Feldarbeit reiste er nach Bahrain sowie zu Konferenzen in London und Istanbul. Zur Zeit bereitet er seine Doktorarbeit zum islamischen Finanzmarkt vor. Im Frühjahrssemester 2010 leitet er an der Uni Zürich das Seminar “Anthropology of Finance – Der Finanzmarkt aus ethnologischer Sicht”.
>> Stefan Leins: Muhammad als formidabler Risikomanager
In Deutschland wird in diesem Monat die erste islamische Bank eröffnet - in Mannheim. Der konservative christliche deutsche Politiker Mann Löffler hat kürzlich islamische Banken gelobt. Die “ethische Verwahrlosung” der Bankenlandschaft erfordere neue Lösungen, meint er und da seien “Halal Banken” ein möglicher “dritter Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus". Denn bei denen gebe es weder Zinsen noch Spekulation, siehe Artikel in der Sueddeutschen “Erste islamische Bank. Mit dem Segen Allahs im Ländle”.
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Wildes Denken ist der Name eines neuen vielversprechenden Ethnologie-Blogs. Norman Schräpel hat ihn erst vor wenigen Tagen ins Leben gerufen.
Ueber die Feiertage hat er bereits eine interessante Besprechung des vieldiskutierten Filmes Avar geschrieben: Avatar – Ein ethnologischer Blockbuster oder Von edlen Wilden, Kolonialismus und der Macht um Wissen.
Im Text Weihnachten – Gabentausch, Übergangsriten und Ahnenbesuch zitiert er den kuerzlich verstobenen Claude Levi-Strauss, den der Weihnachtsmann an einen Besuch aus der Ahnenwelt erinnert.
Norman Schräpel hatte vor knapp zwei Jahren in der Zeitschrift Cargo Ethnologie-Einführungen kritisiert.
Wie gehen verschiedenen Gesellschaften mit dem Phänomen “Zeit” um? Die Autoren des Magazins “Ethmundo” haben wieder interessanten Lesestoff für uns zusammengestellt:
Was ist das eigentlich: die Zeit, dieses diffuse Etwas, das unser aller Leben Tag für Tag bestimmt? Fließt sie vorwärts oder rückwärts, wird sie schneller, langsamer oder dreht sie sich gar im Kreis? Zeit ist weit davon entfernt, dem Menschen als absolutes Ding gegenüberzustehen, sie ist eine kulturell flexible Idee.
Wobei - wir alle gehen unterschiedlich mit Zeit um. Daran erinnert Simone Schubert in einem Gespraech mit Dominique Schmitt. Manche - wie ich bei meinem Umzug kürzlich - sind schlechte Planer und werden erst auf den letzten Drücker (oder zu spät) fertig. Andere planen langfristig und schaffen immer alles rechtzeitig.
Besonders interessant fand ich den Text von Die Erfindung der Weltzeit von Thomas Reinhardt. Die Einteilung der Welt in 24 Zeitzonen ist erst 125 Jahre alt. Zuvor hatte so gut wie jede Ortschaft ihre eigene Zeit. Das war ziemlich chaotisch, z.B. für Reisende. Jede Eisenbahngesellschaft folgte ihrer eigenen Zeit – meist der Ortszeit am Stammsitz der Gesellschaft. Im Bahnhof von Pittsburgh, so Reinhardt, hingen Anfang der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts gleich sechs Uhren, die die Zeiten der verschiedenen Gesellschaften anzeigten, von denen die Stadt angesteuert wurde. Es war gar nicht so einfach, eine gemeinsame Zeit für den gesamten Globus zu “erfinden". Reinhardt bezeichnet die “Erfindung der Weltzeit” daher als “ein Globalisierungsphänomen im ursprünglichen Sinne des Wortes".
“Lebe schneller, dann bist Du eher fertig!” heisst der mehrdeutige und daher umso besser treffende Titel eines Textes von Martin Radermacher über die Jagd nach Effizienz in vielen Gesellschaften unseres Planeten. Er beschreibt das Paradoxon der Industrialisierung: Bessere Produktionsmöglichkeiten führen nicht zu einer Verkürzung der Arbeitszeiten, sondern zu ihrer Verlängerung. Beschleunigung wird zum Selbstläufer und erzeugt immer neue Beschleunigungsbestrebungen.
Zu diesem Thema hat Sozialanthropologe Thomas Hylland Eriksen vor sieben Jahren das Buch “Die Tyrannei des Augenblicks” geschrieben. Auch sehr interessant ist die Dissertation des Soziologen Hartmut Rosa “Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen der Moderne”
Ausserdem in der neuen Ethmundo-Ausgabe Auf Bali läuft es rund: Freya Morigerowsky erklaert, warum Balinesen zwei verschiedene Kalender benutzen.
In Zurück in die Zukunft nimmt und Annika Franke zu den Aymara in die Anden, wo die Zukunft hinten und die Vergangenheit vorne sein soll. Anthropologe Kerim Friedman hatte jedoch die Forschung zum Zeitverständnis der Aymara kritisiert.
Rüdiger Burg beruhigt in 2012 – Viel Lärm um nichts die Kinogänger: Laut dem Kalender der Maya geht nun doch nicht die Welt in 2012 unter.
“Don’t fuck the natives", pflegt man unter Ethnologinnen zu sagen. Doch was tun, wenn man den Alltag von Menschen studiert, wo Sex eine wichtige Rolle spielt?
Die Woz besucht “ein ganz besonderes Ferienzentrum” in einem Nest im Elsass, wo sich “Radical Faeris” treffen. Das sind alternative Schwule - Schwule, die “abseits des homosexuellen Mainstreams sich selbst finden wollen". Sie sehen sich, so die WoZ weiter, als “Gegenbewegung zur urbanen Schwulenszene, in der sich fast alles um Aussehen, schnellen Sex und Konsum dreht".
Unter den Schwulen findet die WoZ-Journalistin Bettina Dyttrich auch Guillaume, einen 24jähren Ethnologen aus Paris, der seine Magisterarbeit über Radical Faeris schreibt.
Wir erfahren, dass er den Tag “am liebsten auf dem Sofa, an verschiedene Faeries gekuschelt” verbringt. Über das Thema Sex auf der Feldforschung habe er viel nachgedacht, lesen wir. Denn eigentlich sollte man das nicht tun. “Ich finde aber, es geht schon. Ohne unethisch zu sein", sagt er zur WoZ.
Der Ethnologe hat zuvor neuheidnische Gruppen und moderne Hexen studiert.
Zum Thema gibt es offenbar nicht viel im Netz. Eine Ausnahme ist der Text Sex and the Ethnographic I in Reflexive Relationships: A Question of Ethics and Desire in Laurie Charles’ Intimate Colonialism von Michael Hemmingson.
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